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Front Page arrow Titles (by Subject) arrow Der reiche Goethe und der arme Schiller, Volkmar Muthesius - Toward Liberty: Essays in Honor of Ludwig von Mises, vol. 1

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Subject Area: Economics
Subject Area: Political Theory

Der reiche Goethe und der arme Schiller, Volkmar Muthesius - Friedrich August von Hayek, Toward Liberty: Essays in Honor of Ludwig von Mises, vol. 1 [1971]

Edition used:

Toward Liberty: Essays in Honor of Ludwig von Mises on the Occasion of his 90th Birthday, September 29, 1971, vol. 1, ed. F.A. Hayek, Henry Hazlitt, Leonrad R. Read, Gustavo Velasco, and F.A. Harper (Menlo Park: Institute for Humane Studies, 1971).

About Liberty Fund:

Liberty Fund, Inc. is a private, educational foundation established to encourage the study of the ideal of a society of free and responsible individuals.


Der reiche Goethe und der arme Schiller
Volkmar Muthesius

Vor dem einst großherzoglichen Hoftheater in Weimar, in der Stadt, die jetzt im Territorium des Satellitenstaates “Deutsche Demokratische Republik” liegt, steht ein Monument, das im Geschmack des neunzehnten Jahrhunderts das “Dichterpaar Goethe und Schiller verherrlicht: Die beiden Poeten halten einen Lorbeerkranz in Händen, als ob jeder ihn dem anderen darbringen wollte - Sinnbild kollegialer Verbundenheit, wenn eine so prosaische Ausdrucksweise erlaubt ist gegenüber der erhabenen Attitüde der “Dichterfürsten”, wie die Vorliebe mancher Deutscher für ein hohles Pathos sie nannte - ohne dabei an des Zeitgenossen Napoleons Wort zu denken, wonach vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein Schritt ist. Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich von Schiller posieren auf dem Weimarer Theaterplatz, als seien sie gewillt, sich gewissermaßen miteinander zu identifizieren, ja als seien sie eines Geistes, und als gäbe es kaum etwas, worin sie sich unterschieden. Eine populärwissenschaftliche Literaturkunde hat, nicht nur in Deutschland, jahrzehntelang diese Fabel gepflegt und danach getrachtet, der Nachwelt zu verschweigen oder zu verkleinern, was die beiden Geister trennte, vor allem wie sehr sich ihre Lebensläufe im Materiellen voneinander abhoben und wie sehr ihr Denken und Tun differierte, soweit es das Wirtschaftliche anlangte. Erst etwa seit den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts haben die Literaturhistoriker und auch einige wenige mehr universell denkende Gelehrte versucht, dem ökonomischen Verhalten der beiden Männer nachzuspüren und dabei ihre recht unterschiedliche Einstellung zu den Phänomenen und Prinzipien des Wirtschaftslebens zu klären, zugleich aber auch einiges von ihrer Denkweise aus dem Milieu der Elternhäuser und aus der allgemeinen deutschen Situation in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts abzuleiten. Dabei offenbart sich eine beträchtliche Divergenz im Denken und Handeln, Unterschiede, die ebenso interessant sind wie jene, welche im Geistigen, im Stil der Dichtungen, auch in dem unterschiedlichen Verhältnis der beiden Männer zu Wissenschaftszweigen sich konstatieren lassen, denen sie sich neben ihren “Hauptgeschäften” widmeten. Das Hauptgeschäft nannte Goethe seine Arbeiten an der Faust-Dichtung; Schiller wäre wohl kaum jemals auf einen solchen Ausdruck verfallen, und schon darin könnte man ein Symptom des Unterschiedes in den Denkweisen der beiden Männer sehen, jener Divergenz, der sich diese Studie zuwenden möchte.

Man kann diese Heterogenität nicht richtig verstehen, wenn man nicht die Ausgangspositionen der Dichter im Auge behält: Goethes Jugend in einem Elternhaus von behäbiger und für die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts geradezu luxuriöser Wohlhabenheit, Schiller dagegen das Kind einer darbenden Familie, die in kleinbürgerlicher Enge mit dem Existenzminimum zu ringen hatte. Zwei großväterliche Erbschaften hatten das Goethesche Haus am Frankfurter Hirschgraben zu einer Pflegestätte eines respektablen Vermögens werden lassen, vom Vater Johann Wolfgangs umsichtig verwaltet: Dies war sozusagen sein Lebenszweck, denn es schmückte ihn zwar der ornamentale Titel eines Kaiserlichen Rats, aber diesem Epitheton ornans lag keine Amtstätigkeit zugrunde, und Goethes Vater konnte sich ganz der Geld- und Kapitalanlage widmen. Er sorgte auf diese Weise für den Sohn vor, der in seinen Jugendjahren ein gutes Stück des väterlichen Vermögens aufzehrte. Der junge Dichter ließ sich weitgehend vom großväterlichen Erbe finanzieren, das aus dem Schneiderhandwerk und aus der Gastronomie samt Weinhandel stammte.

Ganz anders Schiller: Er hatte es unendlich viel schwerer als sein Kollege, sein Konkurrent, sein Antipode. Schillers Vater, von den Großeltern zum Barbierlehrling bestimmt, einem schon damals nicht eben besonders angesehenen Handwerk, brachte es zwar schließilich zum “Feldscher”, wie man ein Kompositum aus Friseur und Chirurgen zu bezeichnen pflegte, und war später als “Werbeoffizier” tätig, also in einer Art von Menschenhandel fürs Militär, mithin jedoch nur in einer Profession, die auch nicht gerade viel abwarf, so daß Frau und Kinder in ziemlich dürftiger Enge verblieben, zumal der Vater sich als Asket gerierte: Die ganze Familie mußte vom Eßtisch aufstehen, wenn es dem Vater am besten schmeckte und er, getreu dem bekannten alten Grundsatz, zu essen aufhörte. Der Knabe Friedrich konnte sich auf diese Weise nie richtig satt essen und blieb ein schmächtiger und kränklicher Mensch sein Leben lang - welch ein Kontrast zu dem an Opulenz in jeder Hinsicht gewöhnten und zeitweise geradezu ein Schlemmerleben führenden Goethe, von dem später Jean Paul schrieb: “….auch frißet er entsetzlich…”

“Kein guter Handel mit Goethe"…

Schiller kannte bis wenige Jahre vor seinem frühen Tod - er wurde nur knapp sechsundvierzig Jahre alt; Goethe brachte es auf dreiundachtzig - keinen Wohlstand und kein sorgloses Leben. Er lebte von der Gastfreundschaft einiger Bewunderer, darüber hinaus von geborgtem Geld, das er entweder mit neuen Schulden abdeckte oder von Freunden zurückzahlen ließ. Erst spät, als er sich schon dem Tode näherte, begannen seine Einnahmen aus Theaterstücken, Prosaliteratur und Gedichten zu fließen, und erst seine Witwe und ihre Erben konnten den größten Teil der Honorare einstecken, die ihm seine Verleger, vor allem Cotta in Stuttgart, zahlten.

Wie anders Goethe! Ihm gelang viel früher die Kommerzialisierung seines dichterischen Genius, und er entwickelte auf der Höhe seines Lebens geradezu listige Methoden, mit denen er die Verleger gegeneinander ausspielte und fürstliche Honorare aus ihnen herauspresste - es gibt einen Brief Schillers an den Verleger Cotta, in dem der offenbar etwas zum Neid neigende Schwabe den Verleger geradezu vor Goethe warnt: “….es ist, um es gerade heraus zu sagen, kein guter Handel mit Goethe zu treffen, weil er seinen Wert gut kennt und sich selbst hoch taxiert und auf das Glück des Buchhandels, davon er überhaupt nur eine vage Idee hat, keine Rücksicht nimmt….” Ob Schiller Rücksicht nahm auf “das Glück des Buchhandels”, mag dahingestellt bleiben. Schließlich tendiert wohl kein Schriftsteller dazu, das Wohl des Verlegers vor sein eigenes und vor die Wünsche des Lesers zu setzen, oder auch, um es etwas anders auszudrücken, vor all das, was er für diese Wünsche halten zu sollen glaubt. Cotta ließ sich denn auch durch diese Warnung Schillers nicht im mindesten beeinflussen, sie hielt ihn nicht davon ab, viele der Goetheschen Werke zu verlegen, und sie machten beide, Cotta und Goethe, gute Geschäfte miteinander. Goethe genierte sich ja auch nicht, von seinen Dichtungen als von seinen Geschäften zu sprechen. Mehr als eine halbe Million Gulden betrug die Summe der Honorare, die allein Cotta an Goethe und seine Erben auszahlte, so daß man, wollte man nur den heute üblichen Honorarsatz von zehn Prozent zugrunde legen, zu dem Resultat kommen würde, daß Cotta sich durch Goethe einen Umsatz von mindestens 5 Millionen Gulden verschaffte. Was man von Schillers Honorareinnahmen weiß, das erreicht nur rund ein Fünftel der von Goethe kassierten (und restlos verbrauchten, das heißt für den Lebensunterhalt und für Bücher, Kunstwerke und anderes ausgegebenen) Beträge.

Der Vergleich läßt aber bei weitem noch nicht die ganze Breite der Kluft ermessen, die im Materiellen die beiden Dichter voneinander trennte. Goethe wurde vom Herzog Carl August im Jahre 1775, als er noch nicht fünfundzwanzig Jahre alt war, mit einem Gehalt von 1 200 Talern jährlich als Mitglied des “Geheimen Conseils” engagiert, und sein Salär stieg bald auf 1 800 Taler, später noch höher. Viele Tausende von Talern schoß außerdem der Vater aus Frankfurt zu, dessen Vermögen sich durch die Subventionierung seines Sohnes halbierte, und so führte dieser das Leben wenn nicht gerade eines Verschwenders, so doch eines keinen Luxus verschmähenden großbürgerlichen Genießers. Er verstand es, den geistigen Hofstaat, zu dem er sein Weimarer Haus ausgestaltete - der 1815 vom Wiener Kongreß zum Großherzog “beförderte” fürstliche Gönner hatte es ihm schon vorher geschenkt f-, nicht nur dadurch zu pflegen, daß er Besucher aus aller Welt empfing und mit seinen Gesprächen auszeichnete, sondern auch durch ein genüßliches Leben: Er trank viel Wein, schätzte Wild und Geflügel, kaufte ständig Gemälde, Skulpturen, Bücher, ohne Rücksicht auf Ermahnungen seines vom Vater mit nach Weimar entsandten Adlatus Seidel, der, ein Mittelding zwischen Kammerdiener und Sekretär, mehrfach schriftlich in ihn drang, er möge sparsamer sein.

Wiederum: Welch ein Kontrast zum armen Schiller! Auch er trank gern Wein, aber erst wenige Jahre vor seinem Tode konnte er sich einen Weinkeller leisten. Kein Vater subventionierte ihn, seine erste Anstellung als “Hofrat” bestand lediglich in diesem Titel, ohne Gehalt, und die Professur für Geschichte an der Universität Jena, die danach folgte, war “ohne Emolumente”. Schiller mußte zuschießen; aus seinen Honorareinnahmen, die anfänglich nur spärlich flossen, mußte er für Repräsentationskosten aufkommen, wie sie einem Akademiker dieser Art erwuchsen. Daß er viele Jahre lang darbte, nur kümmerliche Mahlzeiten erschwingen konnte, war wohl mitschuldig an seinem Siechtum und am frühen Tod.

Schiller, ein kranker Bohemien

Einer von Goethes Erstlingen, die “Leiden des jungen Werther”, wurde sehr rasch ein Bestseller, wie wir heute sagen würden - des jungen Schillers “Räuber” wollte zunächst kein Verleger übernehmen, und für den “Fiesko” zahlte der Mannheimer Buchhändler Schwan ganze elf Louisdor, die gerade ausreichten, um die Schulden zu decken, die Schiller im Gasthaus zum Viehof in Oggersheim hinterlassen hatte, als er inkognito in dieser Spelunke wohnte, in einem Bett mit dem Freund Streicher schlief und dem Wirt Schmidt nur Versprechungen, kein Geld geben konnte. So begann 1782/83 die Karriere des Genies mit demütigender Pumpwirtschaft. Eine Episode nur, ein Jahr lang ein Gehalt von 300 Gulden, war der Anstellungskontrakt als Theaterdichter mit dem Mannheimer Intendanten von Dalberg, der schon 1784 den Vertrag gleichsam wortlos auslaufen ließ - Schiller aber hatte 200 Gulden Vorschuß genommen und das Geld dazu verwendet, um sich mit Kleidung auszustaffieren. Der Rest reichte nicht zum bescheidensten Leben: Wieder Hunger, wieder neue Schulden! Hölzel, sein Mannheimer Hauswirt, sprang ein und bezahlte wenigstens zum Teil die Gläubiger, als Schiller nach Leipzig und sodann nach Dresden ging, der Einladung des Oberkonsistorialrates Körner folgend, der zusammen mit Ludwig Ferdinand Huber dem schwäbischen Dichter fast zwei Jahre lang die Sorgen ums tägliche Brot abnahm und ihn noch dazu mit reichlichem Taschengeld versah. Viel später erst, von Weimar aus, zahlte Schiller die Schuld bei Hölzer zurück und verschaffte dem Sohn des Mannheimer Wohltäters eine Position am Weimarer Theater.

“…Ungeachtet meiner vielen Bekanntschaften, dennoch einsam und ohne Führung, muß ich mich durch meine Oekonomie hindurchkämpfen, zum Unglück mit allem versehen, was zu unnötigen Verschwendungen reizen kann…”, so schrieb er aus Mannheim an den Freund Reinwald, als die Gläubiger ihn hinten und vorn zwickten. Es war um dieselbe Zeit, als er in Darmstadt den Herzog Carl August kennenlernte, der neun Jahre zuvor Goethe nach Weimar geholt hatte, und der nun dem von Schulden geplagten Schiller eine schöne, aber billige Geste bot: “Mit vielem Vergnügen, lieber Herr Doktor Schiller, erteile ich Ihnen den Charakter als Rat in meinen Diensten. Ich wünsche Ihnen dadurch ein Zeichen meiner Achtung geben zu können…” Ein Gehalt war, wie gesagt, mit diesem “Charakter” nicht verbunden - Goethe bekam um die gleiche Zeit als Mitglied des “Geheimen Conseils” Carl Augusts 1 800 Taler Jahresgehalt. Es war für Schiller gleichsam die Lebensrettung, daß er fast zwei Jahre den Körners in Gohlis und Dresden auf der Tasche liegen konnte, aber auch dort stürzte er sich alsbald wieder in Schulden bei Geldverleihern, bei offenkundigen Wucherern, um Juwelen für Henriette von Arnim kaufen zu können, jener “liaison dangereuse”, die ihn vom Schreiben, vom Dichten abhielt. Sein “Finanzsystem”, wie er selbst seine Schuldenwirtschaft nannte, war wieder einmal in noch peinlichere Unordnung geraten.

In Jena und in Weimar, in Volkstedt und Rudolstadt schien er sich dann aber doch allmählich in eine bessere Zukunft hineinzuarbeiten. Die großen Dramen hatten ihm wenig eingebracht, zum Teil gar nichts, nun sah er ein, daß er “von der Schriftstellerei leben”, also “auf das sehen müsse, was einträgt”. “Eintrag” hatte er von den ersten historischen Arbeiten, von der Geschichte des Abfalls der Niederlande, und sodann besonders vom “Geisterseher”, einer “Schmiererei”, wie er sie selbst nannte, aber das Schmieren brachte ihm mehr Leser als alle seine übrigen Werke zusammengenommen. Indessen blieben, obwohl er viel populärer war als Goethe, seine Honorare weit hinter denen nicht nur des Freundes zurück, sondern sie wurden auch von anderen Autoren haushoch übertroffen. Der Großverdiener dieser Zeit war Kotzebue, seine Einnahmen aus Berliner Bühnentantiemen waren viermal so hoch wie die Schillers - aber wie bald war er vergessen, und wie dauerhafter sollte sich Schiller erweisen!

Schiller hatte nicht viel Sinn für das Wirtschaftliche. Er hat sich in seinen Dichtungen kaum je mit Fragen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens beschäftigt, ganz im Gegensatz zu Goethe, der viel über ökonomische Fragen meditierte. Schiller lebte in den Zonen des Idealen, des Guten, Wahren und Schönen; die Problematik sozialer Beziehungen und Zusammenhänge interessierte ihn nicht. Vielleicht war dies mit ein Grund dafür, daß es ihm so schwer fiel und daß es so lange dauerte, bis er materiell überhaupt Boden unter die Füße bekam? Er war nicht der Asket, für den man ihn zeitweilig gehalten hat, er liebte zwar den penetranten Geruch fauler Äpfel, aber das war eine winzige Spur von Perversität, nicht ein Symbol der Bedürfnislosigkeit. Er trank gern gute Weine - aber bis auf die letzten Jahre seines Lebens tat er es meist auf Kosten seiner geduldigen Freunde und Gönner oder gar seiner Gläubiger. Sein Leben war bis zum vierzigsten Jahr das eines von geldlicher Unordnung geplagten Bohemiens, eines kranken noch dazu. Wie seltsam, wie bewunderungswürdig, daß auf solchem schwankenden und rissigen Boden ein Ebenmaß und eine Schönheit der Dichtung wachsen konnten, wie sie bis dahin unerhört waren, Jahrhunderte überdauernd. In diesem Sinne verkleinert sich uns die erstaunliche Figur des armen Schiller nicht, sondern sie wird durch sein Elend noch erhöht.

Goethes Hymnus auf den Kaufmann

Der arme Schiller als trübes Pendant zum reichen Goethe ist eines der interessantesten Phänomene der deutschen Kulturund Zivilisationsgeschichte, aber ebenso reizvoll ist es., den Wirkungen dieser Diskrepanzen auf die Opera der beiden Literaten nachzuspüren. In den Werken Goethes finden sich zahlreiche Passagen und Pointen, die erkennen lassen, in wie reicher Fülle dem Dichter Metaphern und Paradigmata aus der Sphäre des Ökonomischen zur Verfügung standen - bei Schiller wird man vergeblich nach solchen Assoziationen suchen. Sein Idealismus, geschult an Immanuel Kant, hatte etwas Abstraktes an sich, seine poetischen Gestalten schweben in gedanklichen Höhen, gleichsam unirdisch über das Elend der Fakten hingleitend. Seine Dichtungen zeichnen sich oft durch eine phantastische, jedoch gleichsam kalte Eleganz aus, die Goethe fremd war. Ein Beispiel:

Mich hält kein Band, mich fesselt keine Schranke, Frei schwing ich mich durch alle Räume fort, Mein unermesslich Reich ist der Gedanke, Und mein geflügelt Werkzeug ist das Wort.

Diese Verszeilen Schillers aus einem kleinen Theaterstück “Huldigung an die Künste” betitelt, sind charakteristisch für den Glanz der Abstraktion, man könnte sagen für eine blendende Erdenferne. Goethe hat niemals diesen Grad der unbeschreiblichen Eleganz erreicht, aber dafür stand ihm Schiller meilenfern in bezug auf Gemüts-Wärme und Innigkeit, ebenso aber auch hinsichtlich der Neigung (oder Abneigung), sich mit irdischer Problematik, etwa mit ökonomischen Themen und Phänomenen zu befassen. Mit welchem Eifer und mit welcher Anschaulichkeit Goethe in wirtschaftliche Fragen eindrang, in die Volkswirtschaftslehre, ja sogar in Denkbezirke, die wir heute die Betriebswirtschaftslehre nennen, dafür sind einige Passagen aus “Wilhelm Meister” bezeichnend. Man kann geradezu sagen, daß Goethe sich dabei zu einem Hymnus auf den Kaufmann aufschwang, zu einer Verherrlichung des Geschäfts des Commercium, aber nicht mit dem Abstraktionsglanz"à la manière de Schiller”, sondern durchaus voller Realismus, anschaulich und doch nicht unpoetisch. Gerade weil heute die wirtschaftswissenschaftliche Literatur sich von solcher Manier himmelweit entfernt hat, mag in dieser Skizze etwas ausführlicher zitiert werden, was Goethe über den Kaufmann sagte. Gibt es ein schöneres Lob als die wundervollen Passagen des Gesprächs, das Wilhelm Meister mit seinem Freunde Werner führt? Jener rühmenden Überlegungen, die in die Worte auslaufen:"…Ich wüßte nicht, wessen Geist ausgebreiteter sein müßte als der Geist eines echten Handelsmannes. Welchen Überblick verschafft uns nicht die Ordnung, in der wir unsere Geschäfte führen! Sie läßt uns jederzeit das Ganze überschauen, ohne daß wir nötig hätten, uns durch das einzelne verwirren zu lassen. Welche Vorteile gewährt die doppelte Buchhaltung dem Kaufmann! Es ist eine der schönsten Erfindungen des menschlichen Geistes, und ein jeder guter Haushalter sollte sie in seiner Wirtschaft einführen…”. “Verzeih' mir”, sagte Wilhelm lächelnd, “Du fängst von der Form an, als wenn das die Sache wäre, gewöhnlich vergeßt Ihr aber auch über Eurem Addieren und Bilanzieren das eigentliche Fazit des Lebens…” “Leider siehst Du nicht, mein Freund” - so repliziert nun wieder Werner, der Kaufmann -, “wie Form und Sache hier nur eines ist, eins ohne das andere nicht bestehen könnte. Ordnung und Klarheit vermehrt die Lust, zu sparen und zu erwerben. Ein Mensch, der übel haushält, befindet sich in der Dunkelheit sehr wohl; er mag die Posten nicht gern zusammenrechnen, die er schuldig ist, dagegen kann einem guten Wirte nichts angenehmer sein, als sich alle Tage die Summe seines wachsenden Glückes zu ziehen…Wirf einen Blick auf die natürlichen und künstlichen Produkte aller Weltteile, betrachte, wie sie wechselweise zur Notdurft geworden sind! Welch eine angenehme, geistreiche Sorgfalt ist es, alles, was in dem Augenblicke am meisten gesucht wird und doch bald fehlt, bald schwer zu haben ist, zu kennen, jedem, was er verlangt, leicht und schnell zu verschaffen, sich vorsichtig in Vorrat zu setzen und den Vorteil jedes Augenblicks dieser großen Zirkulation zu genießen!…Wo gibt es noch einen rechtmäßigeren Erwerb, eine billigere Eroberung als den Handel?…Wenn Du nur Deine dichterische Einbildungskraft anwenden wolltest, so könntest Du meine Göttin als eine unüberwindliche Siegerin der Deinigen kühn entgegenstellen…Sie führt freilich lieber den Ölzweig als das Schwert. Dolch und Ketten kennt sie gar nicht; aber Kronen teilt auch sie ihren Lieblingen aus…”

Poet der Inflation

Lob des Freihandels, Lob der Ratio, zugleich auch eine Andeutung, die in die gedankliche Richtung von Kants “Ewigem Frieden” zeigt: Weltweiter Güteraustausch als Basis einer Gesinnung, die Zwist und Kampf verschmäht und die daran glaubt, daß der Liberalismus als Weltanschauung und als ökonomisches Prinzip - Kant spricht vom “wechselseitigen Eigennutz” - ein ethisches Fundament schafft, ohne auf die Metaphysik zurückgreifen zu müssen. Das ist ja auch der Grundgedanke von Ludwig von Mises Gesellschaftsphilosophie.

Dem widerspricht es nicht, daß Goethe in den Maximen und Reflexionen “liberale Ideen” bespöttelt, denn er fügt sogleich hinzu, nicht die Ideen, wohl aber die Gesinnungen müßten liberal sein. Er selbst neigte wohl eher zu einem geläuterten Konservatismus, aber der Dialog Wilhelm Meisters mit dem Freund Werner rechtfertigt durchaus die Annahme, daß ihm das Liberale wenn nicht als Idee, so doch als geistige Grundhaltung wichtig und politisch gut erschien.

Auch die komprimierteste Schilderung der Goetheschen Neigung zu wirtschaftlichen Betrachtungsweisen würde unvollständig sein, würde sie nicht des Dichters Denken speziell über das Geld erwähnen. Man könnte ihn geradezu den ersten Poeten der Inflation nennen. Nicht als ob er sie verherrlicht hätte, aber er machte sie zum Objekt der Dichtung: In den berühmten Passagen im Faust II, wo Mephistopheles dem Kaiser eine neue Währung präsentiert: Papiergeld, der “Schedel”, der “Zettel, im Busen leicht zu tragen”, der auf jeder Wechslerbank eingelöst wird - “freilich mit Rabatt” - es war neben der Erinnerung an John Laws monetäre Manipulationen das Disagio der französischen Assignaten, Symbol der Zerstörung des Geldwerts durch die Revolutionäre, der von der Politik initiierte Untergang der alten Franc-Währung des französischen Königreichs, es war diese große Papierwährungskatastrophe um die Wende vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert, die Goethe den Gedanken eingab, in sein “Hauptgeschäft”, den Faust, gleichsam eine Inflationsanalyse einzufügen. Etwa aus der gleichen Zeit stammt eine Bemerkung, die an das Greshamsche Gesetz erinnert: “Alles Ideelle, sobald es vom Realen gefordert wird, zehrt endlich dieses und sich selbst auf, so der Kredit (das Papiergeld) das Silber und sich selbst…”. Diese Reflexion enthält eine Vorahnung der Problematik, die in der deflatorischen Tendenz der Metallgeldverfassung und dem inflatorischen Wesen des Kreditgeldes ein Dilemma ohne Ausweg sieht.

Nichts dergleichen ist bei Schiller zu finden. Schiller ermangelte im Vergleich zu Goethe jenes Grades der Universalität, der den großbürgerlichen Frankfurter auszeichnete. Auch das war in gewissem Sinne ein Mangelphänomen, ein Armutssymptom, in psychischer Hinsicht verstanden. Aber dafür verfügte Schiller eben über jenes Pathos, das wie der griechische Stamm dieses Wortes aus dem Leid stammt. Zu seiner Zeit war Pathetik nicht wie so oft in der Gegenwart etwas der Unechtheit Verdächtiges - damit würde man Schiller Unrecht tun.

Es steht auf demselben Blatt, daß Goethe im Gegensatz zu Schiller das “launichte” Element liebte - so schrieb er das heutige deutsche Wort launig -, sowohl in der Dichtung wie in der Konversation. Schiller konnte eher launisch sein als launig, kein Wunder nach der schweren Jugend und nach allem, was er danach noch an Mühsalen und Krankheiten erlebte. Die Beschäftigung mit der gewissermaßen keimfreien Luft über den Wolken, wenn man seine idealistische Philosophie so nennen darf, war ihm offenbar Gegengewicht zu seinen irdischen Kümmernissen und Entbehrungen, während Goethe, der reiche Genießer, fest auf der Freude spendenden Erde stand und nach der Sentenz dachte und handelte: Nil humani mihi alienum est. Weder der “Götz von Berlichingen” noch die “Laune des Verliebten” hätten von Schiller stammen können, wie andererseits die Pathetik der “Jungfrau von Orléans” oder der “Maria Stuart” nicht auf Goetheschem Holz hätte wachsen können.

Der Irdische und der Ätherische

Nochmals zurück zum Geldwesen und zu der Rolle, die es im Denken Goethes, nicht aber Schillers spielte: In den Maximen und Reflexionen und an anderen Stellen Goethescher Prosa finden sich mehrfach Bemerkungen über monetäre Themen, wie sie Schiller niemals hätte hervorbringen können. Als Beispiel mag hier noch der ans Surrealistische grenzende Ausspruch erwähnt werden, der das Geld mit der Zeit vergleicht: “Könnte man die Zeit wie bares Geld beiseite legen, ohne sie zu benutzen, so wäre dies eine Art von Entschuldigung für den Müßiggang der halben Welt, aber keine völlige, denn es wäre ein Haushalt, wo man von dem Hauptstamm lebt, ohne sich um die Interessen zu bemühen…”. Hauptstamm: das ist das Kapital, Interessen sind die Zinsen; das war der Sprachgebrauch zu Goethes Zeit. Das Ganze ist ein Musterbeispiel Goetheschen Tiefsinns, der immer wieder suf Gegenständliches Bezug nimmt, sogar auf das Geld als auf den Inbegriff der Dinge, soweit sie wirtschaftlich betrachtet werden, um mit Georg Simmel zu reden.

Goethe der Reiche, Schiller der Arme, Goethe der Irdische, Schiller der Ätherische - wäre diese formelhafte Deutung eine unzulässige Simplifizierung? Eine Übertreibung ist sie sicherlich, aber vieles von den Kontrasten der beiden Erscheinungen ließe sich so interpretieren. Es lag Schiller nicht, sich mit der Ökonomie anders zu befassen als durch Klagen über seine Armut. Goethe dagegen bezog das Ökonomische in den Bereich seines Denkens ein, und zwar tat er es offensichtlich gern. Insofern spiegeln sich in den Werken die materiellen Schicksale, aber auch die Charaktere wider - was schließlich nichts Außergewöhnliches ist, was aber in der Literaturgeschichte, so viel sie sich auch mit diesen poetischen Dioskuren befaßt hat, bisher nicht hinreichend gewürdigt worden ist. In dieser Ehrengabe für Ludwig von Mises wurde es versucht.