- F. A. Harper, Introduction
- Gustavo R. Velasco, On the 90th Anniversary of Ludwig Von Mises
- F. A. Harper, Ludwig Von Mises
- Property and Freedom, Alberto Benegas Lynch
- Technological Progress and Social Resistance, Guillermo Walter Klein
- Principles Or Expediency? F. A. Von Hayek
- Protection For Farmers, Antony Fisher
- For a Philosophy of Choice, Lord Grantchester
- The Surest Protection, Ralph Harris
- Towards the Just Society, Ralph Horwitz
- Size and Well-being, J. Enoch Powell
- Pour Eviter “une Collectivisation Par Annuities”, René Berger-perrin
- En Défense De L'economie Libérale: Réponse à Quelques Objections, Gaston Leduc
- L'occident Pour Son Malheur a Choisi Keynes Contre Mises, Pierre Lhoste-lachaume
- Das Ordnungsdenken In Der Martwirtschaft, Ludwig Erhard
- Unsere Gesellschaftsordnung Und Die Radikale Linke, Edith Eucken-erdsiek
- Privateigentum— Die Für Mitmenschen Günstigste Lösung Bei Den Produktionsmitteln, Wolfgang Frickhöffer
- Macht Oder ökonomisches Gesetz, Ernst Heuss
- The Reliability of Financial Statements, Ulrich Leffson and Jörg Baetge
- Ist Die Inflation Unser Schicksal? Alfred Müller-armack
- Der Reiche Goethe Und Der Arme Schiller, Volkmar Muthesius
- Krise Der Politischen Formen In Europa, Otto Von Habsburg
- The Need to Make Cognizance Available, Ulysses R. Dent
- Ways to Communism, Giuseppe Ugo Papi
- Convergence Theories and Ownership of Property, Kenzo Kiga
- Soaring Urban Land Prices and Market Economy, Toshio Murata
- Jesus and the Question of Wealth, Alberto G. Salceda
- A Program For a Liberal Party, Gustavo R. Velasco
- On the Entrepreneur Andries De Graaff
- La Integracion Economica De America Latina, Romulo A. Ferrero
- Problems of Economic Responsibility and Initiative Re-emerging In Eastern Europe, Ljubo Sirc
- Rent Control In Sweden: Lessons From a Thirty Year Old Socio-economic Experiment, Sven Rydenfelt
Ist die Inflation unser Schicksal?
Alfred Müller-Armack
Dieser Aufsatz formuliert sehr akute Sorgen, denen sich die deutsche Wirtschaft gegenübersieht. Wenn auch der unmittelbare Gesprächspartner die deutsche Öffentlichkeit ist, der die Probleme der Zerstörung unserer mit so viel Mühen wiederaufgebauten freien Wirtschaftsordnung durch einen permanenten Währungsverfall noch gar nicht aufgegangen sind, so ist doch der ideelle Gesprächspartner in dieser Stunde der so liebenswürdig wie strenge, so konsequente wie konziliante Lehrer einer ganzen Generation von liberalen Nationalökonomen Ludwig von Mises.
Ich persönlich betrachte es als ein besonderes Glück, daß ich - lange bevor ich praktische Wirtschaftspolitik nach dem Zweiten Weltkriege für mein Land treiben durfte - schon in meiner Studienzeit den grundlegenden Werken unseres Jubilars aus den zwanziger Jahren begegnete, die mich wie kaum ein anderes Buch geistig auf eine Aufgabe vorbereiteten, die mir dann gestellt wurde: liberale Wirtschaftspolitik zu realisieren. Häufige Begegnungen mit Ludwig von Mises auf Kongressen, vor allem denen der Mont Pèlerin-Gesellschaft, gaben Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen, für die ich heute noch dankbar bin. In der Schule der Wirtschaftspolitik muß man zu Kompromissen, gelegentlich auch zu einem Nachgeben gegen besseres Wissen bereit sein, wenn es die übergeordnete Situation erfordert. Aber nicht minder notwendig muß sich der Wirtschaftspolitiker an den Fixsternen seines Denksystems orientieren. Sie, lieber Ludwig von Mises, haben uns mit seltener Folgerichtung in einem großen wissenschaftlichen Werk diese unbeugsame Überzeugung vorgelebt. Wir schulden Ihnen dafür unseren Dank.
Die Geldentwertung zeigt vielerlei Gestalt. Die Älteren unter uns, welche die Entwicklung seit Beginn des Ersten Weltkrieges erlebt haben, verfügen über einen Erfahrungsfundus, der der jüngeren Generation fehlt. Diese sträubt sich, die heutige Entwicklung in die Reihe der früheren Inflationen einzuordnen.
Sicher unterscheidet sich die gegenwärtige, schleichend vorrückende Geldentwertung von jener offenen, galoppierenden Inflation, die 1923 in Deutschland mit einer totalen Zerstörung des Geldwertes ihr Ende fand. Das Sinken der Reichsmark auf ein Billionstel des früheren Wertes bedeutete die Vernichtung einer Währung, in der die bürgerlichen Vermögen, die sich in der Aufbauperiode des 19. Jahrhunderts gebildet hatten und im Vertrauen auf die Stabilität in Geldwerten angelegt waren, dahinschwanden. Die Verarmung der Sparer war die Folge und damit eine gesellschaftliche Umschichtung von beinah unvorstellbarem Ausmaß.
Die Situation, die 1936 mit dem allgemeinen Preisstopp in Form einer zurückgestauten Inflation eintrat, war von anderer Natur. Die Preise wurden eingefroren, die überschüssige Kaufkraft in Staatsanleihen absorbiert. Über den Zweiten Weltkrieg hinaus bis 1948 gelang es, das Preisniveau total zu fixieren, wenn auch die Realität sich am Ende in einem Schwarzen Markt von Kompensationsgeschäften durchsetzte. Hatte die erste Inflation die Vermögensstruktur angegriffen, so führte die zurückgestaute Inflation über die zur Fixierung der Preise immer härter zupackende Rationierung und Rohstoffzuteilung zu einer Wandlung der Wirtschaftsordnung. Die zurückgestaute Inflation zwang, die freie Preisbildung und den Wettbewerbsmarkt zu verlassen und durch zentrale Wirtschaftslenkung die Sicherung eines winzigen Existenzminimums zu gewährleisten.
Die Jahre von 1948 bis 1965 sind in der Bundesrepublik durch eine relative Stabilität und Härtung der D-Mark gekennzeichnet. Gewiß, auch in dieser Zeit ist, wenn wir im Durchschnitt von anderthhalb Jahrzehnten rechnen, der Geldwert jährlich um 1,9 % gesunken. Aber wenn man die totale Preisstabilität als ein unerreichbares Ziel, ja nicht einmal als ein wünschenswertes Mittel ansehen kann, weil man das Wachstum unter den permanenten Druck restriktiver Kreditpolitik setzen müßte, dürfte eine jährliche Entwertung von 2 % die Schwelle sein, die nicht überschritten werden darf. Auch eine interna-Stabilitätsgemeinschaft, wie sie gegenwärtig gefordert wird, wäre nur ein Lippenbekenntnis, wenn man eine Erörterung zuließe, ob nicht für andere Staaten 4 % oder gar 6 % als Stabilitätsmarge angesehen werden dürfen.
Das, was in den anderthalb Jahrzehnten des Wiederaufbaus der deutschen Volkswirtschaft seit 1948 geldpolitisch erreicht wurde, kann, wenn wir nicht utopische Maßstäbe anlegen, als Stabilität angesprochen werden, und es würde viel gewonnen sein, wenn es der deutschen Wirtschaftspolitik gelänge, diesen Zustand wieder herzustellen. Er war zugleich mit einem hohen Wachstumsgrad verbunden, die Vollbeschäftigung war gesichert, die Bundesrepublik wurde nach ihrer totalen Lähmung am Ende der zurückgestauten Inflation in wenigen Jahren zur zweitgrößten Handelsnation und zur drittgrößten Industrienation. Diese Politik braucht keine Kritik zu scheuen. Wenn vor wenigen Jahren von Bundeswirtschaftsminister Schiller eine Senkung des Inflationsgrades auf 1 % versprochen wurde, so kann eine solche Zusicherung nicht ernst genommen werden. Auch zwischen 1948 und 1965 hat es einige Jahre gegeben, in denen der Lebenshaltungsindex um 3 % stieg, aber im Schnitt des Jahrzehnts konnte die Entwertungsrate auf 1,9 % begrenzt werden.
Vor allem die Phase zwischen 1948 und 1965 sollte uns lehren, daß auch bei internationaler Verflechtung eine Stabilitätspolitik durchaus möglich und überdies mit Vollbeschäftigung und Wachstum vereinbar ist.
Die Entwicklung im Ausland verlief fast in allen Ländern wesentlich ungünstiger. Amerikanische Nationalökonomen glaubten, einen Trend zur säkularen Inflation feststellen zu können, und auch bei uns mehren sich augenblicklich die naiven Stimmen derer, die empfehlen, den Kampf um die Währungsstabilität aufzugeben und sich der internationalen Entwicklung anzuschließen. Man übersieht dabei, daß die Stabilität, die der Dollar und auch die D-Mark lange Zeit aufgewiesen haben, den Marsch in die allgemeine internationale Verflechtung aufhielt. Wenn sich die Bundesrepublik jetzt der weichen Welle des allgemeinen Inflationismus anschließen sollte, würde - auch international - eine Barriere brechen. Die Parole “Inflationisten aller Länder vereinigt euch” ist leider kein Scherz.
Wer der galoppierenden, offenen Inflation und der zurückgestauten den Begriff einer schleichenden, säkularen Inflation an die Seite stellt, wählt einen allzu hochtrabenden Namen. Denn keine, etwa mit 4 % Geldentwertung jährlich fortschreitende, Inflation kann durch ein Säkulum hindurch fortgeführt werden, ohne in einem sehr viel früheren Zeitraum die Vernichtung des Geldwertes mit allen gesellschaftlichen Konsequenzen zu verursachen. Allen permanenten Entwertungen ist eine Frist zugemessen, die etwas kürzer bei der galoppierenden, etwas länger bei der zurückgestauten sein kann. Um die Notwendigkeit, die Inflation zu stoppen, kommt man schon im Zeitraum eines Jahrzehnts nicht herum, wenn man nicht die Zerstörung unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung will.
Was gegenwärtig vor sich geht, sollte nicht verharmlost werden. Eine durch mehrere Jahre sich vollziehende Steigerung des Lebenshaltungskostenindex um 4 % muß schlicht als Inflation bezeichnet werden. Hier den milden Ausdruck “vorübergehende Geldentwertung” anzuwenden und damit den Hinweis zu verbinden, daß es doch trotz der 4 %igen Steigerung der Lebenshaltungskosten allen besser geht als in den Vorjahren, stimmt in bezug auf das Volumen des realen Sozialprodukts. Es wird hierbei jedoch übersehen, daß die inflatorische Geldverschlechterung ein von den Realeinkommen völlig unabhängiger Vorgang ist, so wie es einem Menschen zwar wirtschaftlich besser und besser gehen kann, sich aber doch bei ihm eine gefährliape schleichende Erkrankung entwickelt. Gewiß ist es so, daß gegenwärtig die Dynamisierung der Löhne, Gehälter und Renten in einem Grade fortschreitet, daß rein rechnerisch bei einer Lebenshaltungsverteuerung von 4 % selbst bei Einrechnung der ja automatisch steigenden Besteuerung ein kleiner realer Einkommenszuwachs bleibt. Es wird aber übersehen, daß die Lebenshaltungskosten ja nur einen Index bedeuten. Die Industriegüterpreise sind gegenwärtig um 7 - 8 % gestiegen, die Investitionsgüter um 10 %, bei den Bauleistungen beträgt die Steigerung 15 %. Selbst wenn es gelänge, die Güterversorgung in einer Superkonjunktur noch zu steigern, so entstehen unabhängig davon die gefährlichen Sekundärfolgen der Geldentwertung. Wenn wir die Geldentwertung und die Besteuerung der Zinseinnahmen zusammenrechnen, mag auch für Sparguthaben die Höhe der Kreditzinsen eben noch ausreichen, die reale Kaufkraft zu erhalten. Der Zins ist aber nicht mehr ein Nettoeinkommen zur Ergänzung des sonstigen Einkommens oder eine Einkommensquelle für das Alter. Wer die Zinseinnahmen als Reineinkommen verbrauchen will, sieht sich dem Schwund seines Kapitals um wenigstens 4 - 6 % unter Einrechnung der Steuern ausgesetzt. Wer spart, um ein Eigenheim zu bauen oder um eine Eigentumswohnung zu erwerben, kann bei der Steigerung der Baupreise nur eine bedeutende Wertminderung der angesparten Geldbeträge konstatieren.
In dieser Lage darf es nicht verwundern, wenn sich mehr und mehr Sparer nach anderen Anlagemöglichkeiten umsehen oder überhaupt weniger sparen. Die Entwicklung der Aktienkurse in den letzten Jahren hat gezeigt, daß die Vorstellung, Aktien und Investmentpapiere seien sachwertgesichert, eine schlichte Illusion ist. So verlagert sich der Sparprozeß immer mehr auf Immobilien, deren Preise unter dem Druck der von der Inflationsfurcht genährten Nachfrage ständig steigen. Es beginnt eine Diskussion um spekulative Gewinne und deren mögliche steuerliche Erfassung, obwohl diese Gewinne zum Teil nur Kompensationen sind, die man suchte, weil die anderen Formen des Sparens der Entwertung um so stärker unterworfen sind.
Die Inflation bedeutet eine permanente Umschichtung innerhalb der Vermögens- und Einkommensverteilung einer Volkswirtschaft und führt damit unausweichlich zu sozialen Konflikten, die sich in den immer härteren Gruppenauseinandersetzungen unserer Gesellschaft zeigen.
Dies beginnt schon bei dem Prozeß der Einkommensbildung. Die fortschreitende Inflationierung zwingt zu Lohnforderungen, die bei den Gruppen, die eine starke Organisation oder erhebliche Marktmacht besitzen, zu weit über den Produktivitätszuwachs hinausgehenden Lohnsteigerungen führen. Das allgemeine Klima der Geldentwertung erleichtert den Prozeß der Kostenüberwälzung. An sich wäre zu erwarten, daß z.B. die exorbitant hohen Zinssätze von über 10 % eine bremsende Wirkung auf das Investitionsklima ausüben. Wir konnten jedoch in den letzten Jahren feststellen, daß diese regulierende Funktion des Zinses weitgehend außer Kraft gesetzt war, weil man - nicht zu Unrecht - auf den Fortgang der Geldentwertung setzt und so die Konjunktur weiter anheizt.
Eine schleichende, permanente Inflationierung veranlaßt die einzelnen Gruppen, laufend Lohnforderungen zu stellen, die wiederum durch ihre preissteigendernden Tendenzen weitere Gruppen zwingen, ein Gleiches zu tun. Wenn zum Beispiel die IG-Metall erhebliche Lohnsteigerungen durchzusetzen vermochte, ist es eine Illusion zu sagen, daß damit die anderen Lohnforderungen für die Zukunft erledigt sein müssen; denn hinter jeder mit ihren Forderungen durchdringenden Gruppe steht eine Reihe von anderen Gruppen, die ihrerseits nicht darauf verzichten wollen und können, eine Anpassung ihrer Geldeinkommen zu erreichen und womöglich noch mehr. Wer will, wenn die Bauwirtschaft oder andere große Industriegruppen vorangehen, auf die Dauer den Rentnern, den Angestellten des öffentlichen Dienstes und den Beamten einen entsprechenden Ausgleich verwehren? Es wird sich also die schleichende Inflation, je länger sie dauert, zu einem permanenten Wettbewerb der verschiedenen Gruppen entwickeln, wobei es dann schwerfällt, irgendwo Schluß zu machen und die Spitzenreiter zu hindern, erneut mit ihrem Spiel zu beginnen. Damit entsteht eine Hysterisierung der Öffentlichkeit, die für das Klima eines demokratischen Staates überaus gefährlich sein kann.
Es wäre leichtsinnig, annehmen zu wollen, daß mit einer durchaus möglichen Abschwächung der Konjunktur die Preisbewegung zum Stehen käme. Die Erfahrung spricht für ein anderes: Bei einem Rückgang der Konjunktur wird die Preissteigerung weitergehen, schon wegen der Schubwirkung der noch nicht angepaßten Gruppen. Sie wird dies um so mehr tun, falls man bei einer starken Abschwächung versuchen sollte, mit konjunkturpolitischen Mitteln des “deficit spending” die Konjunktur wieder anzuheizen. Eine weitergehende Inflationierung bringt die Konjunkturpolitik in große Schwierigkeiten. Die gefährliche Situation, auf die man zusteuert, ist, daß eine Rezession mit weiter steigenden Preisen entsteht, wie wir sie aus der amerikanischen Erfahrung kennen. Die an sich notwendige expansive Konjunkturpolitik würde den Geldentwertungsprozeß in solcher Lage nur weiter vorantreiben.
In dieser Mobilisierung aller Gruppen der Bevölkerung, ihre Einkommen an den sinkenden Geldwert anzupassen, liegt ein schweres gesellschaftspolitisches Problem. Darunter, aber mehr verborgen und nicht so leicht feststellbar, vollzieht sich durch die Umwertung und Umschichtung der Geld- zu den Immobilien- und Produktiv-Vermögen eine Verschiebung im sozialen Gleichgewicht, die immer neue Konflikte erzeugen muß.
So stellen wir gegenwärtig eine ständig wachsende Beunruhigung der Mieter fest, die sich bis zu politischen Aktionen, zur Forderung von Mietstopp oder gar Enteignung steigert. Was sich vordergründig abspielt, ist im Grunde Reflex der inflationär steigenden Baukosten und Immobilienpreise. Dagegen mit Preisstopp vorzugehen, würde auf die Dauer die Bautätigkeit so treffen, daß eine Lösung vorhandener Mangelerscheinungen und Preisüberhöhungen durch ein Mehrangebot an Wohnraum illusorisch wird.
Die harte Konsequenz aller dieser Entwicklungen ist ein Wachsen des gesellschaftlichen Ungleichgewichts und die Ermutigung des aussichtslosen Versuchs, durch ein Abgehen von unserer Wirtschaftsordnung eine Änderung zum Besseren herbeizuführen. Die Wirkungen der Inflation lassen sich nur zu einem geringen Teil an Einkommen und Preisen ablesen, entscheidender sind die gesellschaftlichen Folgen, die eine permanent schleichende Inflation mit sich bringt. Die Entwertung der Ersparnisse, die Reduktion der Zinseinnahmen auf die pure Sicherung der Gütersubstanz der Geldersparnisse, die Konzentration des Schwergewichts der Vermögen bei Immobilien-und Produktiv-Vermögen fördern gesellschaftliche Ungleichgewichte zutage, die uns in den Jahren von 1948 bis 1965 erspart blieben. Der Satz, daß Inflation Volksbetrug ist, trifft nicht nur auf die beiden Paradebeispiele der offenen und zurückgestauten Inflation zu. Er gilt auch für die permanent schleichende Geldentwertung.
Es ist falsch, diese schleichende Inflationierung als den Preis, der für die Vollbeschäftigung und das Wachstum zu zahlen ist, anzusehen. Zudem hat die Erfahrung gezeigt, daß diese Alternative nicht zwingend besteht. Es ist nicht einzusehen, weshalb das, was in anderthalb Jahrzehnten des deutschen Wiederaufbaus nach 1948 möglich war - nämlich Stabilität, Wachstum und Vollbeschäftigung miteinander zu vereinigen -, in Zukunft unmöglich sein soll.
Es nützt wenig, den Begriff der schleichenden Inflation als Volksverhetzung anzuprangern, wenn man nicht ökonomische und soziologische Zusammenhänge offenlegt. Die Bevölkerung selbst denkt realistisch und ist zum Teil dazu übergegangen, ihre Ersparnissicherung in Immobilien zu suchen. Das ist an sich ein höchst unrationeller Vorgang, bei dem Grund und Boden, Gebäude und Häuser nicht nur ihrer Nutzung wegen nachgefragt werden, sondern als allgemeine Sparkasse der Bevölkerung. Noch ist der Großteil der Bevölkerung durch die Optik der hohen Zinssätze bereit, Geldwertanlagen zu halten und sich damit zu begnügen, daß die hohe Verzinsung zum größten Teil für die Geldwertsicherung hingegeben werden muß. Wie lange im Vorrücken der Geldentwertung dieser Zustand erhalten bleibt, ist fraglich.
Wer, wie gegenwärtig vielfach zu hören ist, leichthin behauptet, man müsse mit der Inflation leben, verharmlost ihre gesellschaftspolitischen Folgen und huldigt einer Nationalökonomie der Illusionen. Es ist geradezu töricht zu meinen, es komme nur darauf an, daß bei Einkommensbeziehern in der Lohntüte unter dem Strich ein Überschuß an Realeinkommen übrig bleibe. Man übersieht dabei die Erosion der gesamten Geldersparnisse und die Umschichtungen, die in der Vermögensbildung duschaus in der Richtung einer unsozialeren Verteilung vor sich gehen. Wenn man gegenwärtig weit über den Zuwachs der Produktivität hinausgehende Lohnsteigerungen konzediert und, was nicht anders möglich ist, den Unternehmern einräumt, sich mit höheren Preisen schadlos zu halten, so ist dieser naive Versuch, mehr Geldbezugsscheine auszugeben als es dem Volumen des Sozialprodukts entspricht, eine schiere Fehlspekulation. Was diejenigen, die Marktmacht besitzen, gewinnen, müssen andere Gruppen durch die Senkung ihrer Kaufkraft verlieren. Daran führt kein Weg vorbei. Besonders töricht ist das Vorhaben des Staates, seine Ausgaben erheblich zu steigern, ohne die inflatorische Wirkung zuzugeben. Sicher, der Staat braucht für wichtige öffentliche Aufgaben mehr Mittel für Bildungsinvestitionen, für Forschung, Gesundheitswesen, Umweltschutz, StraBenbau und dergleichen; aber selbst diese Rechnung geht für den Bundeshaushalt nicht auf, da der Zuwachs der Bundesausgaben in erheblichem Umfange nicht Ausgaben für die Lebenshaltung betrifft, sondern sich vor allem auch auf Bauinvestitionen der verschiedensten Art bezieht. Dadurch wird der Zuwachs von der Steigerungsrate der Baukosten, die allgemein mit 15 % angegeben wird, so betroffen, daB für den Staat letztlich unter dem Strich nicht mehr, sondern eher noch weniger übrig bleibt. Auch der Staat ist in seinem laufenden Haushalt ein Verlierer der Inflation.
Am eigenen Leibe haben wir die gefährlichen Wirkungen zweier Inflationen in Deutschland erlebt. Für die permanenten, schleichenden Inflationen sind genügend Beispiele in den uns umgebenden Ländern zu finden; aber auch diese Entwicklungen in den europäischen Staaten der Vollbeschäftigungspolitik haben sich in einer Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg vollzogen, in der durch die internationale Kooperation und das Vorhandensein einiger Staaten mit echten harten Währungen auch die Inflationierung der übrigen Länder in gewissen Grenzen gehalten wurde.
Die Gefahr einer Inflationierung in Permanenz zeigt die Situation in den Ländern S¨d- und Mittelamerikas. In ihnen ist die Inflationierung seit Jahrzehnten mehr oder minder stark zur allgemeinen Erscheinung geworden. Es handelt sich um Staaten, die seit 150 Jahren politisch frei sind und eine Führungsschicht besitzen, die ihnen vom Unternehmerischen her eine der europäischen und nordamerikanischen Entwicklung ähnliche Stellung ermöglicht hätte. Was ihre innere Struktur jedoch bestimmt, ist - wenn man es im Ganzen sieht -, die Wirkung der permanenten Geldwertverschlechterung, die sie alle erlebten. Wenn wir in Europa und speziell auch in der Bundesrepublik nicht den Weg zur Stabilitätspolitik wiederfinden, könnte dies auch unser Schicksal sein. Ich möchte vor der Gefahr einer “Lateinamerikanisierung” warnen.
Was ist das Kennzeichnende, das in allen diesen Staaten mehr oder minder sichtbar wird? Es ist zum ersten die ungesunde Konzentration des Produktivvermögens und des Grundbesitzes in den Händen weniger, durch ihre Geldmacht auch politisch dominierender Familien. Es ist angesichts der Unsicherheit des Geldwertes die für alle diese Länder typische permanente Kapitalflucht - übrigens auch eine Erscheinung, die bereits bei uns in jüngster Zeit zu einem Problem geworden ist. Alle Länder stetig unsicheren Geldwertes schwächen die Bereitschaft des Unternehmertums, sich in investiven Anlagen festzulegen. Man bevorzugt leicht realisierbare Vermögenswerte im Handel und im Hausbesitz. Die Konsequenz ist, daß dort, wo die Privatinitiative der Unternehmer sich sichtbar zurückhält, die öffentlichen Gewalten zur Wirtschafts tätigkeit neigen. Diese Konzentration der Vermögen in wenigen Händen reicher Familien und des Staates hat zu einer nicht zu übersehenden Radikalisierung der intellektuellen Schichten geführt, die zum Teil unter kommunistischen Rektoren und radikalen Kadergruppen an den Universitäten zu einer Zersetzung der öffentlichen Meinung beigetragen hat, die sich in regelmäßigen Revolten äußert und gleichzeitig das Niveau von Bildung und wissenschaftlicher Forschung so senkte, daß ein offensichtlicher Rückstand eingetreten ist. Alle diese Tendenzen bewirkten das an sich überraschende Phänomen, daß die Volkswirtschaften dieser Ländergruppen trotz gigantischer Städte und Staatsbauten über das Niveau gehobener Entwicklungsländer nicht hinauskamen. Daß in einer solchen Atmosphäre die Korruption blüht, die die Begleiterscheinung aller Staatsinterventionen unter so schwierigen Umständen ist, kann nicht überraschen. Fast in jedem dieser Länder wird die Notwendigkeit eingesehen das vorhandene gesellschaftliche System zu ändern, wobei die Gruppenkonflikte so stark sind, daß entweder der Kommunismus oder die Militärdiktatur den Ausweg bietet. Wer den gesamten Prozeß fortschreitender Auflösung beobachtet, wird sicher nicht behaupten können, daß es allein die inflationäre Politik ist, die zu diesen Erscheinungen geführt hat; aber wir kommen nicnt um die Feststellung herum, daß nur auf der Basis der durch die Inflationierung bewirkten gesellschaftlichen Verunsicherung der zur Permanenz gewordene gesellschaftliche Aufruhr solche Formen annehmen kann.
Gewiß, wir sind nicht in Lateinamerika, aber die Ansätze zur Konzentration der Vermögen, zur Zerstörung der Geldersparnisse, zur Radikalisierung unseres Wissenschafts- und Kunstbetriebes und zur Linkswendung der Massenmedien sind in den letzten Jahren zu sichtbar hervorgetreten, als daß man sie bagatellisieren könnte.
Es ist daher heute dringlich, die Inflationierung in ihren weitreichenden Konsequenzen neu aus der gegenwärtigen Situation zu durchdenken. Sicherlich ist man nicht daran interessiert, das in breitester Öffentlichkeit zu tun. So schwer es auch fällt, zu einer versachlichten Analyse zu gelangen, nachdem diese Dinge zum Gegenstand der Diskussion in Parlament, Wissenschaft und Massenmedien geworden sind, es wäre falsch, dem Nachdenken über die Inflation das Stigma des Inflationsgeredes oder gar der Verhetzung aufzudrücken. Eine solche Diskussion hat auch ihre Gefahren. Schichten, die bisher stillgehalten haben, werden beunruhigt und ziehen ihrerseits in ihrem Verhalten Konsequenzen. Aber das ist im Grunde bereits im Gange und wird, wenn man meint, die Realität unserer Geldentwertung bagatellisieren zu können, eher weiter um sich greifen. Was notwendig ist, ist der gemeinsame Beschluß aller politisch Verantwortlichen, die Stabilität nunmehr, wo kein Zweifel daran bestehen kann, daß sie bedroht ist, an die erste Stelle des wirtschaftspolitischen Zielkatalogs zu setzen. Es muß eine wirtschaftspolitische Konzeption entworfen werden, die den notwendigen Fortschritten im Bereiche der staatlichen Aufgaben durchaus Raum gibt, aber sich zugleich der Grenzen bewußt ist, die nicht überschritten werden dürfen, wenn die Wirtschaftsordnung nicht unbedacht gefährdet werden soll. Die Ordnung einer sozial gesicherten Marktwirtschaft, der wir das bisher Erreichte verdanken und zu der sich auch die Sozialdemokratische Partei in ihrem Godesberger Programm bekannt hat, muß erhalten bleiben. Diese Ordnung erwies sich als durchaus fähig, nicht nur im wirtschaftlichen Fortschritt, sondern auch im sozialen Bereich Schritt für Schritt voranzukommen. Das ist durchaus vereinbar mit dem Bestreben, auf der Basis dieser Ordnung auch neue Aufgaben, die insbesondere im staatlichen Bereich in bezug auf Umweltschutz, Bildung, Forschung usw. liegen, zu fördern. Gefährlich wäre es, wenn wir in dem Bestreben, zuviel zu fordern, die Kräfte lähmten, die möglicherweise den Gang unserer wirtschaftlichen Entwicklung günstig beeinflussen.
Niemand ist heute in der Lage, über die Wirkungen der Inflationierung und über die Strategie zu ihrer Bekämpfung ein abschließendes Wort zu sagen. Dazu bedarf es vielmehr eines Prozesses zunehmender Klarstellung, was im nationalen Bereich und in der Europäischen Gemeinschaft wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch ein permanenter Geldwertschwund bedeutet. Die Abkehr von dieser Politik kann sich nicht in wenigen Rezepten erschöpfen. Über das Ausmaß der Gefahr schlicht stillzuschweigen, wäre jedoch noch gefährlicher. Man würde die Verschiebungen innerhalb unserer Gesellschaft verniedlichen und vielleicht seine Hoffnung darauf setzen, daß eine schwächer werdende Konjunktur alles wieder zum Ausgleich bringt. Insgesamt käme ein solches Schweigen nur den Kräften zugute, die zu den wenigen Nutznießern der säkularen Inflation gehören. Was die Wissenschaft vermag, ist eine gewiß nicht bequeme Offenlegung der Verharmlosung, die man sich gegenüber der Geldentwertung erlaubt, und der Hinweis auf eine Reihe möglicher Instrumente. Der Kern einer stabilitätspolitischen Gesamtstrategie ist in jedem Fall eine politische Führung, die alle beteiligten Gruppen auf ein strenges, realistisches Konzept verpflichtet.