- F. A. Harper, Introduction
- Gustavo R. Velasco, On the 90th Anniversary of Ludwig Von Mises
- F. A. Harper, Ludwig Von Mises
- Property and Freedom, Alberto Benegas Lynch
- Technological Progress and Social Resistance, Guillermo Walter Klein
- Principles Or Expediency? F. A. Von Hayek
- Protection For Farmers, Antony Fisher
- For a Philosophy of Choice, Lord Grantchester
- The Surest Protection, Ralph Harris
- Towards the Just Society, Ralph Horwitz
- Size and Well-being, J. Enoch Powell
- Pour Eviter “une Collectivisation Par Annuities”, René Berger-perrin
- En Défense De L'economie Libérale: Réponse à Quelques Objections, Gaston Leduc
- L'occident Pour Son Malheur a Choisi Keynes Contre Mises, Pierre Lhoste-lachaume
- Das Ordnungsdenken In Der Martwirtschaft, Ludwig Erhard
- Unsere Gesellschaftsordnung Und Die Radikale Linke, Edith Eucken-erdsiek
- Privateigentum— Die Für Mitmenschen Günstigste Lösung Bei Den Produktionsmitteln, Wolfgang Frickhöffer
- Macht Oder ökonomisches Gesetz, Ernst Heuss
- The Reliability of Financial Statements, Ulrich Leffson and Jörg Baetge
- Ist Die Inflation Unser Schicksal? Alfred Müller-armack
- Der Reiche Goethe Und Der Arme Schiller, Volkmar Muthesius
- Krise Der Politischen Formen In Europa, Otto Von Habsburg
- The Need to Make Cognizance Available, Ulysses R. Dent
- Ways to Communism, Giuseppe Ugo Papi
- Convergence Theories and Ownership of Property, Kenzo Kiga
- Soaring Urban Land Prices and Market Economy, Toshio Murata
- Jesus and the Question of Wealth, Alberto G. Salceda
- A Program For a Liberal Party, Gustavo R. Velasco
- On the Entrepreneur Andries De Graaff
- La Integracion Economica De America Latina, Romulo A. Ferrero
- Problems of Economic Responsibility and Initiative Re-emerging In Eastern Europe, Ljubo Sirc
- Rent Control In Sweden: Lessons From a Thirty Year Old Socio-economic Experiment, Sven Rydenfelt
Unsere Gesellschaftsordnung und die radikale Linke
Edith Eucken-Erdsiek
Wir befinden uns in einer eigentümlichen Situation. Unsere Gesellschaft behandelt niemanden mit so viel Rücksicht wie ihre erklärten Feinde. Ist sie ihrer selbst so sicher, daß sie glaubt, sich das leisten zu können, oder aber ist man seiner Sache so unsicher, daß man es nicht wagt, mit den Gegnern anzubinden? Beides ist in gewisser Weise richtig. Auf der einen Seite unterschätzt man die Sprengkraft der linksradikalen Bewegung, und auf der andern Seite überschätzt man die Kraft ihrer Aussage. Mit andern Worten: Die Gefahr, die unserer Gesellschaftsordnung von ihren Gegnern droht, wird nicht hinreichend realisiert. Aber zugleich ist man hilflos gegenüber ihren Thesen. Diese linksradikalen Thesen werden mit einer Selbstverstandlichkeit geltend gemacht, die keinen Zweifel duldet und ihn eben darum herausfordert. Wie immer es um die Berechtigung dieses oder jenes Arguments bestellt sein mag, die Frage erhebt sich, ob ein so hoher Anspruch im Ganzen rationaler Prüfung standhält. In jedem Falle ist es notwendig, sich mit diesen Thesen auseinanderzusetzen, denn hinter ihnen steht-von irrationalen Kräften getragen-der Wille zum Umsturz unserer Gesellschaftsordnung.
Daß diese Gefahr im öffentlichen Bewußtsein nicht voll erfasst wird, hat mancherlei Gründe. Zunächst sieht jeder doch vor allem andern nur das, womit er unmittelbar zu tun hat. Wie das Wild seinen Wechsel, so verfolgt der Mensch in der Regel seinen ganz bestimmten Weg, wobei ihm immer nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit zu Gesicht kommt. Wer mit seiner Arbeit voll im Produktionsprozess steht, hat für gewöhnlich weder Zeit noch Kraft, sich um die Problematik im geistigen Leben zu kümmern. Unmerklich kann ihm da der Boden unter den Füßen von Leuten weggezogen werden, deren schwerverständliche, selbstbewußte Intellektualität imponiert, die aber häufig nicht die leiseste Ahnung davon haben, wie es im wirtschaftlichen Alltag zugeht. Nicht wenige werden auch von dem fortreißenden Schwung der Bewegung fasziniert. Andere sind weithin verunsichert. Und die “schweigende Mehrheit"? Sie schweigt im Grunde nicht. Sie empört und beklagt sich - untereinander. Viel Energie entweicht durch dies Ventil.
Wo man glaubt, die Dinge doch nicht ändern zu können, ergibt sich leicht eine Tendenz, sie aus dem Bewußtsein zu verdrängen. Dem Unerfreulichen weicht man nach Möglichkeit aus. Für viele ist aber die Revolte nicht einmal unerfreulich. Sie empfinden sie als Happening, als vergnügliche Abwechslung von der alltäglichen Langeweile. Mit Behagen genießen sie die Verteufelung unserer Gesellschaftsordnung, die, durch schockierend-lustige Gags schmackhaft gemacht, heute im Schwange ist. Revolution ist gesellschaftsfähig geworden, und das keineswegs nur für den intellektuellen Snobismus. Politische Unschuld läßt sich gerne weismachen, daß, wie man es von radikaler Seite hören kann, “Horror und Terror der Revolution” nicht mehr sind als “bloße Vorurteile”. Wenn die Arglosigkeit auch nicht immer ein solches Ausmaß erreicht, so passen sich doch die meisten widerstandslos der bestärzenden Veränderung unseres geistigen Klimas an, die heute als ganz natürlich erscheinen läßt, was gestern noch undenkbar war.
An Argumenten, die mangelnde Abwehr zu verteidigen, fehlt es nicht. So werden die Revolutionäre als eine Minderheit angesehen, die als Minderheit harmlos ist. Man verweist auf den verschwindenden Prozentsatz der Radikalen bei den Wahlen. Übersehen wird dabei nur, daß Prozentsätze bei Wahlen für die Beurteilung von revolutionären Bewegungen ganz unerheblich sind. Revolutionen sind noch immer in der Geschichte von Minderheiten gemacht worden. Sie können auch gegen den Willen der Mehrheit siegen, wenn ihr Angriff leidenschaftlich und entschlossen ist, die Verteidigung der Gesellschaft aber kraftlos und schwankend.
Heute jedenfalls ist bei der radikalen Minorität ein wachsender Trend festzustellen. Es ist ihr in verhältnismäßig kurzer Zeit gelungen, wichtige Schlüsselstellungen zu besetzen und einflußreiche Bundesgenossen zu gewinnen. Die Jugend ist die Generation der Zukunft. Als solche hat sie von vornherein die intellektuelle Avantgarde für sich, die die Zukunft vorwegzunehmen sucht, und verbindet sich zum andern unschwer mit denjenigen Sozialisten, die die gesellschaftliche Zukunft durch die Lehre von Marx als garantiert ansehen und in diesem Sinn zu programmieren versuchen.
Ein weiteres Argument für die Harmlosigkeit der Bewegung ist die heillose Verstrittenheit der radikalen Linken, die aber ein Zusammengehen von Fall zu Fall nicht ausschließt. Bei aller Verwirrung heben sich zwei grundsätzlich verschiedene Richtungen heraus: die anarchistische und die kommunistische. Dabei stellen die festen Vorstellungen der Kommunisten den Kern dar, gleichsam den Mond, um den die vagen Vorstellungen der Anarchisten den Hof bilden. Für den Durchbruch aber ist-wie schon im Fall der russischen Revolution-der Anarchismus für den Kommunismus sehr nützlich.
In den Anfängen der Revolte stand dementsprechend der Anarchismus im Vordergrund. Terroristische Aktionen haben Bresche geschlagen, die bürgerliche Mehrheit überrumpelt und so weit eingeschüchtert, daß wesentliche Machtpositionen erobert wurden. Inzwischen ist eine Schwerpunktverlagerung festzustellen, die die Lage ernster erscheinen läßt. Das Ziel des gesellschaftlichen Umsturzes ist das gleiche geblieben. Aber die Methoden haben gewechselt. Die anfänglichen spektakulären Aktionen erwiesen sich als zu sehr geeignet, eine breite Öffentlichkeit zu alarmieren und entsprechende Gegenkräfte zu wecken. Heute zieht man die sogenannten “systemüberschreitenden” Reformen vor, die Bildung kommunistischer Kader, den “langen Marsch durch die Institutionen”. Und das bedeutet: die Unterhöhlung der Hochschulen, der Schulen, der Parteien, der Kirchen, des Rechtswesens von innen her. Hans Magnus Enzensberger, von jeher mit seismographischem Spürsinn begabt, ist sehr bezeichnend mit seinem “Kursbuch” neuerdings von der ursprünglichen Verfechtung anarchistischer Thesen zum Einsatz für den Sozialismus leninistischer Prägung übergegangen.
Bei dem linksradikalen Angriff auf unsere Gesellschaftsordnung sind entsprechend diesen beiden grundsätzlichen Strömungen zwei Arten zu unterscheiden, die aber zum Teil in einander übergehen: die eher anarchistischen Utopisten und die mehr dem orthodoxen Kommunismus angehörenden Sozialisten. Alle sind Neomarxisten, wobei die Vorsilbe Neo andeutet, daß sie sich teilweise von Marx entfernen, besonders da, wo die marxistische Position durch die Entwicklung unhaltbar geworden ist. Das gilt nicht nur für die Verelendungstheorie; es gilt auch für die von Marx geforderten Bedingungen für eine Revolution. Denn es gibt heute weder in den hochentwickelten Industrieländern jenes Proletariat, auf das Marx als Träger der Revolution zählte, noch haben die Entwicklungsländer den Status der Produktionsverhältnisse erreicht, den Marx für unerläßlich hielt.
Durch die wirtschaftliche Entwicklung sind die Neomarxisten gezwungen, statt von den Produktionsverhältnissen vom Bewußtsein auszugehn: von einem “falschen Bewußtsein”, das geändert werden muß, - also vom Bewußtsein auf das Sein hin zu argumentieren statt umgekehrt. Für Marx wäre das ein klarer Fall von Utopismus gewesen.-Ein Axiom aber bleibt eisern gewahrt: die Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Hier liegt das ceterum censeo. Von hier geht die immer wiederholte Forderung aus, daß unsere Gesellschaftsform zerstört werden muß.
Wie es marxistischem Denken entspricht, wird das Problem der Gesellschaftsordnung von der Wirtschaftsordnung her aufgerollt. Sie wird dabei unter zwei Aspekten in Frage gestellt: von der ökonomischen Sicht her unter dem der Verteilung, von der soziologischen Sicht her unter dem der Herrschaft. Andere Probleme treten dem gegenüber in Schatten. Aber beide Problemkreise sind vom sozialistischen Standpunkt aus in sehr wirkungsvoller Weise miteinander verknüpft.
Die Konstruktion ist folgende: Das Privateigentum an Produktionsmitteln führt zur Ungleichheit der Verteilung, die der sozialen Gerechtigkeit widerspricht. Daraus ergibt sich die Ungleichheit der Einkommen und-noch verhängnisvoller-die Ungleichheit der Vermögen. Sie erlaubt die Ausbeutung der Arbeitskraft und bewirkt dadurch die Herrschaft der kapitalistischen Schicht-eine Herrschaft, die sich vom Unterbau der Produktionsverhältnisse aus auf das gesamte soziale und geistige Leben erstreckt.
Falsche Verteilung als Wurzel allen Übels in unserm System - so einfach die Ableitung ist, schwieriger ist die Begründung. Ein schwerer Stein, der hier gewälzt werden muß, ist die von Marx ererbte, für ihn grundlegende Verelendungstheorie. Sie wird von manchen Kommunisten, besonders in Frankreich, noch in ihrer absoluten Form verteidigt. Die Armut, behaupten sie kühn, ist heute größer als je. Im allgemeinen zieht man aber doch vor, von einer “relativen Verelendung” zu sprechen. Zwar wird zugegeben, daß Not und Mangel überwunden sind, aber das wird nicht hoch veranschlagt. Die Armut ist geblieben, die breite Masse ist noch immer benachteiligt. Eine Nivellierung des allgemeinen Lebensstandards wird dem Augenschein entgegen bestritten, obwohl die Arbeiter über Konsumgüter und Möglichkeiten verfügen, die früher den Besitzenden vorbehalten waren. Aber, so wird argumentiert, früher handelte es sich eben nur um die Befriedigung lebensnotwendiger Bedürfnisse; den heutigen fehlt jene elementare Dringlichkeit, die den revolutionären Willen zu wecken vermochte. Eine Revolution ist aber deshalb heute nicht weniger notwendig, denn das Existenzminimum ändert sich mit den geschichtlichen Bedingungen. Der Wandel der Verhältnisse hat neue Bedürfnisse geschaffen, sodaß deren Befriedigung nicht eindeutig als Gewinn zu buchen ist. Arm ist heute nicht der zu nennen, der im Elend lebt, sondern derjenige, der sich angesichts der Reichtümer einer Wohlstandsgesellschaft als arm empfindet. Trügerischer Konsum, an dem er immerhin teilnimmt, verschleiert ihm außerdem die “öffentliche Armut": die Überfüllung von Schulen, Hochschulen, Kindergärten, Krankenhäusern und die Umweltgefährdung - Mißstände, die freilich mehr oder weniger alle Schichten betreffen.
Grund zur Revolution ist ferner die elende Lage der Entwicklungsländer. Wieder ist hier letzten Endes die Ungleichheit der Einkommen schuld, denn sie führt zu mangelnder Kaufkraft auf dem Markt und zu Absatzkrisen, zu deren Behebung die dritte Welt mit herhalten muß. Die Armut der Entwicklungsländer begründet so den Reichtum der kapitalistischen Mächte. Hierzu sei nur am Rande bemerkt, daß die growen Industrieländer bekanntlich für einander die besten Abnehmer sind und der Handel mit der dritten Welt demgegenüber eine bescheidene Rolle spielt. Für die in dieser Hinsicht besonders angegriffenen USA betrug in den letzten Jahren die Summe der Importe aus den Entwicklungsländern nur etwa anderthalb Prozent des Volkseinkommens.
Aus der Ungleichheit der Einkommen ergibt sich zu allem noch für den Arbeiter die Unmöglichkeit zu sparen, und damit hängt nun die Ungleichheit in der Vermögensverteilung zusammen, die in den Augen der Kritiker schwerwiegender ist als die Ungleichheit der Einkommen. Vorhandene Reformvorschläge, die Vermögensverteilung weniger ungleich zu machen, wie staatliche Sparförderung, Investivlohn, Ergebnisbeteiligung werden als Beschwichtigungsmanöver abgetan. Erstrecht schlägt nicht zu Buch, daß heute nicht das von Marx in den Vordergrund gestellte Eigentum an den Produktionsmitteln das relevante Moment darstellt sondern die Verfügung über sie. Diese entscheidende Tatsache, die westliche Wirtschaftspolitiker so sehr beschäftigt, wird von der radikalen Linken übergangen, da in ihrer Sicht Manager nur der verlängerte Arm des Großkapitals sind und die Kleinaktionäre - so weit das Aktienkapital auch immer gestreut sein mag - sowieso keinen Einfluss haben. Im Endergebnis konzentriert sich das Kapital in immer weniger Händen. Man stützt sich dabei auf Untersuchungen von Professor Krelle, nach denen u.a. 1,7 Prozent der Haushaltungen über 35,1 Prozent des gesamten privaten Vermögens verfügen.
Das Kapital wird nun - das ist sehr wichtignur als Monopolkapital verstanden. Unsere Wirtschaftsordnung begreift sich zwar als Wettbewerbswirtschaft, und der Wettbewerb wird an sich als das dem Sozialismus entgegengesetzte Prinzip verdammt. Ererscheint als barbarisch, der humanen Idee widersprechend. Auch sein oft betonter Beitrag zum technischen Fortschritt wird als Ammenmärchen abgetan, da er einem Profitstreben dient, das nicht an echten Bedürfnissen ausgerichtet ist. Dennoch - die Herrschaft der Monopole ist dem Wettbewerb gegenüber das noch größere Übel. Denn von allen Hemmungen befreit, die der Wettbewerb ihm immerhin auferlegt, hat das Kapital durch seine Monopolstellung einen uneingeschränkten Aktionsspielraum. Es manipuliert die Bedürfnisse durch Reklame und immer neue Produkte. Es kann Löhne und Preise beliebig festsetzen. Es nimmt schließlich den Staat ins Schlepptau und das bis zu einem solchen Grade, daß zum Beispiel in der Depression die Unternehmer den Staat mit der Drohung der Nicht-Investition erpressen können. Die Macht des Großkapitals ist total. Sie prägt damit erbarmungslos das gesamte geistige und politische Leben, wobei die einzelnen Manager nicht einmal persönlich die Schuld tragen sondern unter dem Druck anonymer Kräfte jeweils nur ihre soziale Rolle im System zu spielen haben.
Das Kapital erscheint in dieser Auffassung als einheitlicher monolithischer Block, obwohl in unserer pluralistischen Gesellschaft verschiedene Gruppen mit divergierenden Tendenzen nebeneinander stehen. Manche Autoren geben allerdings zu, daß wir keine einheitliche Führungsschicht besitzen und von einer hierarchisch gegliederten Klassengesellschaft insofern nicht gesprochen werden kann, als zumindest für die untere Mittelschicht Aufstiegsmöglichkeiten zu Führungspositionen gegeben sind. Aber im Vordergrund steht doch die Vorstellung, als ob ein einheitlicher Wille alle Bereiche unseres Lebens unterjoche.
Bezeichnend für den Stand der heutigen Sozialismus-Diskussion ist die gegenwärtig stark beachtete Schrift von André Gorz: “Zur Strategie der Arbeiterbewegung im Neokapitalismus”, die das Problem besonders scharf akzentuiert. Es heißt dort: “Die reale Diktatur des organisierten Kapitalismus kann in den industriell fortgeschrittenen Ländern…nicht allein auf wirtschaftlicher und politischer Ebene bekämpft werden. Das Kapital übt seine Diktatur nicht nur über die Produktion aus…Es übt sie nicht nur über die Arbeiter, die Fabriken und den Staat aus sondern ebenso über die Zukunftsvisionen der Gesellschaft, über deren Ideologie, Prioritäten und Ziele. Auch über das Bild, das sich die Individuen von sich selbst, ihren Möglichkeiten, ihren Beziehungen zum Nächsten und der übrigen Welt machen. Diese Diktatur ist zugleich wirtschaftlich, politisch, kulturell und psychologisch. Sie ist total.—Daher muß man sie auch total auf allen Ebenen im Namen einer umfassenden Alternative bekämpfen. Wird der Kampf nicht von vornherein auf dem kulturellen, “ideologischen” und theoretischen Gebiet wie auf dem Haupt gebiet geführt, so wird er vergeblich sein…Der kulturelle Kampf für eine andere Auffassung vom Menschen, vom Leben, von der Erziehung, der Arbeit, der Zivilisation ist die Voraussetzung für den Erfolg aller anderen Kämpfe für den Sozialismus, da er deren Sinn begründet.”
Bereich für Bereich wird in diesem Sinne angegriffen. Man nehme die Kirchen: von jeher obrigkeitshörig. Man nehme die Schulen: Sie vermitteln der heranwachsenden Generation die überlebten, traditionellen Vorstellungen der bürgerlichen Bildungsschicht und sind bestrebt, sie zu willfährigem Dienst an der kapitalistischen Leistungsgesellschaft zu erziehen. Man nehme das Rechtswesen: Es ist Klassenjustiz, die Moral: Sie ist Klassenmoral. Man nehme die angebliche Freiheit der Wissenschaft. Der einzelne Wissenschaftler mag subjektiv der Überzeugung leben, eine ideologiefreie Wissenschaft zu vertreten. In Wirklichkeit ist er schon zumeist von seiner bürgerlichen Herkunft her durch die Vorurteile seiner Schicht geprägt and vertritt, wenn auch unbewußt, das Interesse der herrschenden Klasse. Ein Bezug auf die gesellschaftlichen Probleme findet bei den Einzelwissenschaften gewöhnlich nicht statt - ein Vorwurf, der sich im Kern darauf reduziert, daß alle Wissenschaft in marxistischem Sinne politisiert werden muß.
Was ist der Staat? Eine bürgerliche Demokratie? Das Beiwort bürgerlich besagt schon alles. Der Bürger wird hier nicht als Staatsbürger, citoyen, begriffen sondern als bourgeois, als Kapitalist, als Reaktionär, als satter Spießer oder, so weit er nicht selbst Kapitalist ist, als vom Kapital abhängig und insoweit korrumpiert. Der Wohlstand ist die Bestechung, mit der Kleinbürger und Lohnabhängige in falschem, d.h. nicht-revolutionärem Bewußtsein gehalten werden. Die parlamentarische Demokratie erweist sich als reine Farce, da in ihr nur das Interesse der herrschenden Klasse realisiert wird. Dem liberalen Rechtsstaat fehlen alle plebiszitären Momente. Er hat der sozialen Demokratie zu weichen, denn die politische Demokratie ist nichts wert, wenn sie nicht von gesellschaftlicher Demokratie begleitet wird. Demokratisierung in diesem Sinne bedeutet Mitbestimmung aller Beteiligten in allen gesellschaftlichen Institutionen und Betrieben - unabhängig von dem jeweiligen Standort des Einzelnen, von dem Grade seiner Verantwortlichkeit und, bei noch radikalerem Anspruch, auch unabhängig von seiner sachlichen und fachlichen Kompetenz. Dabei wird auch immer wieder der Ruf nach der Rätedemokratie laut, wenn sie sich in der Wirklichkeit auch nirgends auf die Dauer hat durchsetzen können.
Was ist das Hauptinteresse des Staates? Die Privilegien der herrschenden Schicht durch Ruhe und Ordnung zu schützen. Unruhe wird demgegenüber als erste Bürgerpflicht proklamiert. Denn Ordnung ist in den Augen der radikalen Linken nichts weiter als Sicherheit und Ruhe auf den Straßen, Polizei. Und dieser Ordnung gegenüber als einer Gewalt von oben ist Anwendung einer Gewalt von unten gerechtfertigt. Die milder Denkenden schlagen statt einer Gewalt gegenüber den Menschen eine Gewalt gegenüber den Sachen vor, eine feine theoretische Unterscheidung, die in der Praxis meist zu weniger feinen Konsequenzen führt. Aber hier muß der Zweck mit den Mitteln versöhnen. Gegen gewaltlosen Aufstand ist erstrecht nichts einzuwenden. Politisch ahnungslose Widersetzlichkeit mit Happening-Charakter wie ein Sitzstreik der Schüler auf Straßenbahnschienen wird von Adorno als Zeichen politischer Reife gewertet. Studentische Gewalttätigkeit gar, auch in barbarisch erscheinenden Formen, ist nach ihm nicht zu verwerfen, insofern sie sich “im Dienst der Humanität versteht”.
Begriffe des Rechtsstaats werden hier offenbar bewußt außer Kurs gesetzt, ganz zu schweigen von dem Unverständnis dem gegenüber, was Ordnung als geistiges Prinzip uns als daseinsnotwendiger Schutz der Gesellschaft vor dem immer drohenden Chaos bedeutet. Charakteristisch für die allgemeine fortschreitende Abkehr vom Ordnungsdenken ist die Stellungnahme eines Autors wie Ralf Dahrendorf, der keineswegs selbst zur radikalen Linken gehört. Er schreibt: “Es ist eigentlich für die deutsche Politik seit langem kennzeichnend, daß nahezu alle politischen Gruppen mehr Wert zu legen scheinen auf einen Gedanken der Ordnung….als auf Vielfalt, Interessenkonflikt und Auseinandersetzung. Bei konservativen Gruppen ist dies verständlich. Es gilt in allen Ländern, aber in Deutschland hat es auch bei der Opposition gegolten. Auch die deutsche Arbeiterbewegung hat von Anfang an nach Wegen gesucht, um die Gesellschaft zu integrieren, nach Verfahren wie der Mitbestimmung und dergleichen mehr. Und auf diese Weise eigentlich jener Auseinandersetzung geschadet, die sie dort brauchte, um selbst ihre Vorstellungen durchzusetzen. Das ist - wenn man so will - eine deutsche Krankheit, das Leiden an Ordnungsvorstellungen, eine Krankheit, der gegenüber man immer wieder die Fruchtbarkeit auch der ungeregelten, auch der lebhaften, auch der bis an die Grenzen der Unordnung führenden Auseinandersetzungen betonen müßte."-Mit solchen Vorstellungen aber stehen wir bereits an der Grenze zum Anarchismus.
Beim Anarchismus selbst aber kann von einer Sicht auf unsere Gesellschaftsordnung nicht die Rede sein. Dafür ist bei diesen Gegnern die Verachtung zu groß. Während sich die Kritiker, von denen bisher gesprochen wurde, bei aller Einschränkung des Gesichtsfeldes doch bemühen, sich mit den Besonderheiten unserer Ordnung auseinanderzusetzen, lehnen die Utopisten es ab, sich mit den Zusammenhängen eines vor ihren Augen verfaulenden Spätkapitalismus zu befassen, sie wollen sie nicht verstehen, und so verstehen sie auch nichts davon.
Es ist erstaunlich zu sehen, wie hier Glanz der Formulierungskunst und Mangel an Urteilsvermögen beieinander wohnen können und wie Fantasiespiele über irreale Möglichkeiten nicht nur die Spieler selbst verzaubern sondern auch ihre Gefolgschaft. Es herrscht da zuweilen eine Atmosphäre unglaublich leichter Heiterkeit, bei der alle Probleme sich in nichts auflösen und die zugleich durch eine sich gegenseitig steigernde Empörung über den unerhörten Zustand unserer Wirklichkeit gewürzt ist.
Als besonders unerträglich wird dabei die Tatsache empfunden, daß sich in unsern Institutionen und Betrieben Über- und Unterordnung durch “Sachzwänge” ergibt, mit denen der freie Mensch sich nicht abfinden sollte. Zwar der von den Radikalen sonst hochverehrte Engels hat sich einmal energisch gegen eine solche Verketzerung sachlicher Autorität gewandt, wobei er am Beispiel der Baumwollspinnerei und des Eisenbahnbetriebs zeigte, wie die Verknüpfung der einzelnen Arbeitsgänge eine strenge Disziplin aller am Arbeitsprozess Beteiligten zur Notwendigkeit macht. “Stets”, sagte er, “wird sich der Wille eines jeden unterordnen müssen”. Ihm ist, so meint man, zugute zu halten, daß er in der Zeit der Dampfkraft lebte und die unerhörten Möglichkeiten der heutigen Technik nicht vorausahnen konnte; als ob der inzwischen noch komplizierter gewordene Arbeitsprozess heute nicht entsprechend größere Anforderungen an die Einordnung des Einzelnen stellte. Von diesen technischen Möglichkeiten aber erwartet man für die Zukunft die größten Wunder. Wie sich die von ihnen ins Auge gefaßte grundsätzliche Abschaffung der Arbeitsteilung damit vereinen ließe, bleibt offen.
Der Kampf gegen alle Formen der Hierarchisierung richtet sich in erster Linie gegen die Familie, denn “sie hat Feudalstruktur”. Großen Beifall fand eine vom “Kursbuch” preisgekrönte Arbeit über den sogenannten “elastischen Familienverband”. Nach diesem Vorschlag siehen nach Möglichkeit bereits miteinander befreundete Familien in ein gemeinsames Wohnhaus, wo sich dann bald “sexuelle Querverbindungen” ergeben. Die Kinder entstammen “nicht mehr einem Ehepaar sondern einem Familienverband”. Schließlich kann das Privateigentum aufgehoben werden. Es entsteht eine Kommune. Diese “konkrete Utopie”, die vor allem der Emanzipation der Frau dienen soll, ihrer Freistellung für berufliche und gesellschaftliche Aufgaben, betrifft aber nur einen Teilaspekt. Weitere Vorschläge richten sich gegen die Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit (jeder wir einmal Künstler sein), von Lehrenden und Lernenden und gegen jede Form von Spezialisierung, wobei die Antwort auf die Frage umgangen wird, wie es z.B. unter diesen Umständen um die ärztliche Betreuung bestellt sein soll.
Im übrigen - so wird gefordert - “muß jede bürokratische Funktion so aussehen, daß sie in drei Wochen erlernbar ist.” (H.M. Enzensberger) “Bestimmte Spezialistenfunktionen,” so heißt es wörtlich, “muß man einfach abschaffen im Ganzen. Zum Beispiel darf es nie mehr Richter geben. Es darf nie mehr einen Justizapparat geben. (Christian Semler) Offenbar schrumpft in diesen Vorstellungen das ganze große Gebiet der Jurisprudenz zur Strafjustiz zusammen. Anderweitige Regelungen menschlichen Zusammenlebens erübrigen sich, denn es wird ja alles von Grund auf anders werden. Für die erhofften Möglichkeiten kann es Grenzen kaum noch geben, weder von der menschlichen Natur her, denn die Menschen sind von Haus aus gleich begabt und die menschliche Natur ist gut, noch von der Knappheit der Güter her, denn diese wird es in Hülle und Fülle geben, wenn die Technik weiter fortschreitet und der Verschwendung durch das heutige Wirtschaftssystem ein Ende gesetzt ist. In dieser neuen Welt werden Strafen nicht mehr notwendig sein. Der Kriminelle, bisher nur das allzu verständliche Produkt einer Gesellschaft, die den Menschen verbildet, wird sich ohne große Schwierigkeit integrieren lassen. Wer aber durchaus nicht umerziehbar ist (so Bernd Rabehl), “ältere Leute und bestimmte Verbrecher” sollten die Möglichkeit haben auszuwandern.
Als Vorbild leuchten diesen Bestrebungen die sogenannten befreiten Länder vor: Nordkorea, Nordvietnam, Kuba und vor allen Dingen China. Dort gibt es nicht mehr die Selbstentfremdung des Menschen durch die Art seiner Arbeit. Wird demgegenüber auf die unbestreitbar harte Fron dieser Völker hingewiesen, so lautet das Gegenargument, daß hier von einer Entfremdung nicht die Rede sein kann, weil jeder dort freudig für die Gemeinschaft auch noch die härteste Arbeit leistet. Hierzu bleibt nur zu sagen: Weh' dem, der dort nicht freudig mitarbeitet!
Die Weltfremdheit dieser jungen Anarchisten springt ins Auge. Ratio und Erfahrung sind gleichermaßen ausgesperrt. Mancher wird auch meinen, ähnliches schon einmal gehört zu haben. In der Tat handelt es sich um eine irrationale Rückkehr zu dem romantischen Utopismus, der in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts seine Blütezeit hatte. Man meint in diesen Kreisen, höchst modern zu sein. Man schwört auf Marx und greift in Wirklichkeit auf antiquierte Vorstellungen zurück, die Marx endgültig zu überwinden bemüht war.
Es läge nahe, über diese Art von Anarchismus zur Tagesordnung überzugehen, wenn sie nicht durch den Appell an die Emotionen weltweiten Widerhall bei einer ganzen jungen Generation gefunden hätte. Der Grund hierfür liegt tief. Der junge Mensch fühlt sich in der heutigen entpersönlichten Welt um die Möglichkeit seiner Selbstverwirklichung betrogen, und das ist in der Tat ein sehr ernstes Problem unserer technischen Zivilisationsstufe, die aber für alle hochindustrialisierten Länder gilt und insofern unserer Gesellschaftsordnung nicht zur Last gelegt werden kann. Das aber wird nicht anerkannt. Und mit rationalen Argumenten kommt man gegen diese Überzeugung nicht an. Logik hat hier nichts zu suchen, da sie doch nach Markuse auch nur “ein Instrument der Herrschaft” ist.
So kann es sich für die Kritik nur darum handeln, zu jenen sozialistischen Gruppen zurückzukehren, die sich mit unserer Wirtschaftsordnung ernsthaft zu befassen suchen. Hier liegt nun das Hauptargument darin, daß, wie gezeigt, bei ihnen ganz einseitig das Verteilungsprinzip im Vordergrund steht, während die Frage der Produktion fast gänzlich außer Betracht bleibt. Produktivität ist aber nicht eine technische Gegebenheit sondern ein wirtschaftliches Problem.
Professor Krelle, auf dessen Untersuchungen in der Verteilungsfrage sich diese Kritiker häufig beziehen, bemerkt dazu: “Es ist notwendig festzustellen, in welchen Grenzen sich jede mögliche Gesellschaftsreform halten muß, wenn sie die Lebensverhältnisse der Mehrzahl der Menschen verbessern soll. Zunächst einmal müssen die Menschen leben. Drei Milliarden Menschen und vor Ende dieses Jahrhunderts mehr als fünf Milliarden, müssen menschenwürdig genährt, gekleidet, untergebracht, ärztlich versorgt, gebildet, beschäftigt werden, um nur das wichtigste zu nennen, und das ist eine gigantische Aufgabe, die von den meisten dilettantischen Weltverbesserern weit unterschätzt wird. Die Lösung dieser Aufgabe hängt ausschließlich von der Aufrechterhaltung und Verbesserung der nationalen und internationalen Arbeitsteilung, d.h. der Industrialisierung ab. Ein Zusammenbruch oder nur eine wesentliche Verschlechterung ihrer Organisation, also des Funktionierens der Industriebetriebe, des Nachrichtensystems, des Verkehrs und des internationalen Handels bedeutet den Tod für viele Millionen wenn nicht Milliarden Menschen.”
Wer diese Zusammenhänge nicht erkennt, wer einseitig auf die Verteilung blickt, übersieht, daß der Kuchen erst bereitet werden muß, bevor er zur Verteilung gelangen kann. Und leider besitzt das Messer, mit dem man häufig an diesem Kuchen herumschneiden will, die leidige Eigenschaft, daß unter ihm die Substanz die Tendenz hat, zu schrumpfen. (Erich Hoppmann) Die linksradikale Kritik sieht einseitig auf bestimmte, nicht abzuleugnende Schwächen unserer Wirtschaftsordnung, ohne das Ganze ins Auge zu fassen, ohne den Versuch, das System überhaupt als ganzes zu verstehen. Was dabei weitgehend ignoriert wird, sind die Ergebnisse der internationalen ökonomischen Theorie. Was bagatellisiert wird, ist die große Leistung, die unsere Gesellschaftsordnung auf Grund ihrer Prinzipien mit dem Aufbau aus den Trümmern der Nazizeit vollbracht hat. Was als selbstverständlich hingenommen wird, ist die damit erreichte Versorgung der Bevölkerung. Was unterlassen wird, ist der Vergleich mit den Ländern, in denen die Forderung nach Vergesellschaftung der Produktionsmittel erfüllt worden ist.
Und hier ist das Erstaunliche, daß dort, im Gegensatz zu unserer radikalen Linken das Produktionsproblem sehr ernst genommen wird, Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Rede von Ulbricht zum 20. Jahrestag der DDR: “Wir haben gehandelt nach der Lehre des wissenschaftlichen Sozialismus, nach der Lehre von Marx und Lenin, daß entscheidend für den Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus die Höhe der Arbeitsproduktivität ist.”
Trotz dieser Zielrichtung ist die Produktivität in diesen Staaten weit geringer als im Westen. Hierzu liegen authentische Zahlen aus der DDR vor, die in den “Materialien zum Bericht: Zur Lage der Nation” veröffentlicht wurden. Danach ist die Arbeitsproduktivität in der DDR um ein Drittel niedriger als in der Bundesrepublik. Die Einkommen der Bevölkerung haben sich in zehn Jahren weiter aus einander entwickelt, und zwar gemessen an der Kaufkraft hat sich der Abstand der Realeinkommen der Arbeiterhaushalte zwischen Bundesrepublik und DDR von 32 auf 45 Prozent vergrößert, ein Ergebnis, das selbst die Fachleute überraschte, die an diesem Bericht gearbeitet haben.
Was nun aber das andere große Problem anlangt, das - neben der Verteilung - in den Vordergrund gerückt wird, das Problem der Herrschaft, so wird dabei die Hauptsache nicht gesehen: der große Freiheitsgrad, der in unserer Gesellschaftsordnung verwirklicht ist. Er wird als ebenso selbstverständlich hingenommen wie der erreichte Versorgungsstand der Bevölkerung. Und doch ist es dieser Freiheitsgrad, der unserer Gesellschaftsordnung ihren großen Vorrang gibt. Paradox genug wird unsere Ordnung als unfrei angeprangert. In Wahrheit sichert sie uns neben der Freiheit der Konsumwahl, Freiheit des Arbeitsplatzes, Freizügigkeit über die Grenzen, das Streikrecht, Freiheit der Meinungsäußerung, Information und Presse, vor allem aber die Freiheit zur Opposition.
Was bietet demgegenüber die andere Seite? Ironischerweise das, was sie uns vorwirft: Ungleichheit der Verteilung - bedrückende Herrschaftsverhältnisse. Das Monopol ist in seiner reinsten Form verwirklicht, dem totalen Staat. Funktionäre bilden hier die Führungsschicht. Durch Verfügung über die Produktionsmittel üben sie eine unumschränkte Macht aus. Der ganze Katalog jener Freiheitsrechte, die wir für uns in Anspruch nehmen können, fällt drüben restlos aus, und das unter dem Titel “Befreiung des Menschen”. Eindeutig lehrt die bisherige historische Erfahrung, daß die Vergesellschaftung der Produktionsmittel nicht zur Aufhebung der Herrschaft von Menschen über Menschen führt sondern sie verstärkt.
Jedoch ist es nicht genug, unsere Gesellschaftsordnung an sozialistischen Systemen zu messen. Messen muß man sie an ihrer eigenen Idee. Und diese Idee ist, was zunächst die Wirtschaftsordnung anlangt, Freiheit und Ordnung dadurch mit einander zu versöhnen, daß die freie Initiative des Einzelnen den Antrieb bildet und der Wettbewerb unter allen die Kontrolle. An Stelle behördlichen Zwanges tritt hier die spontane Koordination. Sie wird durch den Wettbewerb ermöglicht. Sie steht und fällt mit ihm.
Die Wirklichkeit bleibt allerdings weit hinter den Ordnungsvorstellungen der Marktwirtschaft zurück. So weit sich berechtigte Ansätze für die Kritik der Gegenseite bieten, liegen sie fast ausschließlich in den Abweichungen von ihrer grundlegenden Idee: so, wenn z.B. in manchen Bereichen Subventionen nicht zum dem Zweck gewährt werden, notwendige Anpassungen zu erleichtern sondern veraltete Strukturen zu erhalten; oder wenn die Kontrollfunktion des Marktes durch wettbewerbsbeschränkende Fusionen und Kartellierungen in Frage gestellt wird. Das Ringen um die Fusionsgesetzgebung ist insofern kein technisches Problem sondern greift in die Grundlagen unseres Systems ein, weil nicht der Markt schlechthin sondern der Wettbewerb die gesellschaftliche Kontrollfunktion über Produktionseinrichtungen, Technik und anderes leisten kann.
Ein entscheidender Mangel unserer Ordnung ist weiterhin die Zurücksetzung, die bisher wesentliche Gemeinschaftsaufgaben wie Bildungswesen oder Umweltschutz erfahren haben. Hier sind allerdings die nicht—demokratischen Systeme des Ostens im Vorteil, da die zentralistische Willensbildung sie in die Lage versetzt, bestimmte Schwerpunkte zu bilden, wobei auch sie von einer Lösung der gewaltigen Probleme noch weit entfernt sind. Mag es für uns auch sehr viel schwieriger sein, von der Bewältigung dieser Aufgaben hängt die Lebensfähigkeit unserer Gesellschaftsordnung ab.
Inwieweit wird das eingesehen? Inwieweit wird darüber hinaus der Interdependenz der drei grundlegenden Prinzipien unserer Gesellschaftsordnung Rechnung getragen: der Marktwirtschaft, der parlamentarischen Demokratie und dem Rechtsstaat? Auch in diesen Bereichen gibt es parallele Entartungserscheinungen wie Lobbyismus oder die Tatsache, daß Abgeordnete von Interessentengruppen wirtschaftlich abhängig sind.
Wir haben kein Recht, der radikalen Minderheit vorzuwerfen, daß sie unsere Gesellschaftsordnung nicht versteht, wenn die Mehrheit selbst dieses Verständnis nicht aufbringt. Auf den weiteren Bestand unseres Systems kann man nur vertrauen, wenn der Zusammenhang: Rechtsstaat, parlamentarische Demokratie und Marktwirtschaft richtig verstanden wird und wir bereit sind, auf kurzfristige Vorteile im langfristigen Interesse des Ganzen zu verzichten.
Pragmatisch ist unsere Ordnung nicht zu verteidigen. Wir stehen heute in einer weltanschaulichen Auseinandersetzung, die von den Gegnern mit dem Fanatismus einer Pseudoreligiosität geführt wird: drüben das makellose Bild einer utopischen Welt—und hier eine durch lange Zeiträume gewachsene Kultur, die durch eine tabula rasa ersetzt werden soll. Diese Situation wird dadurch noch erschwert, daß der oft von Idealismus getragene Glaubenskampf der Gegenseite sich mit einem Aufstand verbindet, der sich terroristischer Methoden bedient. Wie diese Verbindung sich sogar in einer Person darstellen kann, beweist die legendär gewordene Gestalt eines Chè Guevara, der unter Aufopferung der eigenen Person für eine erhoffte Erlösung der Menschheit kämpfte und zugleich den unbeugsamen Hass predigte und einen den Gegner bis in den letzten Winkel verfolgenden Guerillakrieg.
Revolution ist zum Losungswort geworden. Die Gegner unserer Gesellschaftsordnung berufen sich dabei auf ein vermeintliches Recht unserer Verfassung. In Wahrheit schützt diese aber nur den Überzeugungsgegner, nicht, wie vielfach - gerade auch in der Öffentlichkeit - mißverstanden wird, den Überzeugungstäter. Ihm gegenüber ist Wachsamkeit und entschlossene Abwehr geboten, nicht zuletzt deshalb, weil “die Ausbrüche eines romantischen Nihilismus nur allzu leicht durch skrupellose aber zielbewußte und realistische Strategen der totalen Macht ausgebeutet werden können.” (Richard Löwenthal)
Kritik an unserer Gesellschaftsordnung ist nicht nur erwünscht, sie ist heilsam, ist notwendig. Der aus ideologischem Fanatismus geborene Wille zu ihrer Zerstörung aber ist eine Kampfansage an die Freiheit.